Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
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Erstes Buch. Land, Leute und Technik.

Den Übergang zum Norden machen die ernsten, nüchternen, aber auf armemBoden zurückgebliebenen, jedoch tüchtigen Hessen , die geweckten, ruhigen, intelligentenSachsen, die den Thüringern verwandten Schlesier. Der Nordosten Deutschlands enthälteine Mischung slavischer Elemente mit allen anderen deutscheu Stämmen: es ist aufdiesem wiedereroberten Kolonialboden das kräftige, nüchtern verständige, unternehmungs-lustige Geschlecht erwachsen, das den deutschen Staat wieder aufgerichtet hat, auch inden Fortschritten der Technik und der großen Industrie jetzt in erster Linie steht. InHolstein, Westfalen, Hannover und den Niederlanden sitzt der uiedersächsische Stamm,jene göns rokustissima, die reinste deutsche Bauernrasse; trotzig und ernst, ini schwerenKampfe mit den Elementen hat sich dieser Menschenschlag zu dem besten Material fürein gesundes Staatswesen und eine künstlich gefügte Volkswirtschaft entwickelt. Es sinddie Nachbarn und nächsten Verwandten der Holländer, welche die Gunst ihrer Lage undder Heldenkampf gegen Spanien im 17. Jahrhunderte zu glänzender Höhe emporhob.Von ihnen giebt E. M. Arndt eine gute Schilderung.

Ungeschlachte, schlotterige Leiber, gemächlich und nachlässig in der Erscheinung,freundlich gutmütige Gesichter; selbst bedeutende Menschen sehen gewöhnlich, selbst dieFeurigen schläfrig aus. Ohne Leidenschaft, ohne Phantasie, ohne alle Eitelkeit lebtdieser Menschenschlag nur dem Zweckmäßigen, Tüchtigen, Ordentlichen. Pedantisch, klein-meisterlich, säuberlich im Hause, widmet sich jeder mit rastloser Thätigkeit seinem Berufe,bekämpft mit hartnäckigem Freiheitstrotz jede Tyrannei. Eigensinnig, hartnäckig amAlten klebend, verständig, zäh im Glauben, naiv, in der Kunst das Kleinste treu wieder-gebend hat dieses Volk in seinem Handel, in seinem Wohlstand, in der Rechtswissen-schaft, der Mathematik, den Naturwissenschaften das Höchste erreicht, was man mitbiederer Mühe und trockenem Ernste allein erreichen kann.

67. Ethnographische Einzelschilderung: Die Engländer undNordamerikaner. Schlußergebnis. Die Engländer sind eine Mischung von Kelten,Niedersachscn und französisch-romanifchen Normannen. Von den Kelten haben sie Sprach-klang und Beweglichkeit, von den Sachsen die starken Leiber, den guten Magen, dieharten Nerven, die derbe Sinnlichkeit, den tapferen Mut, von den Normannen romanischeStaats- und Gesellschaftseinrichtungen und vornehme aristokratische Lebenshaltung: eingrobes derbes, festes, deutsches Gewebe mit französischer Stickerei hat Kohl das englischeWesen genannt. Beim Schotten hat keltische Geisteskraft und norwegisch-dänischesGermanentum zusammengewirkt, um ihn noch verständiger, nüchterner, aber auch pfiffiger,erwerbssüchtiger zu machen.

Die insulare Lage und eine politische und wirtschaftliche Entwickelung ohnegleichenhaben dem Engländer den festen, in sich geschlossenen Nationalcharakter gegeben. SichereEntschlossenheit, nüchterne Thatkraft, derbes Willensvermögcn herrschen vor. Stolz undgleichgültig gegen andere verfolgt der Engländer seine Wege; schwerfällig, würdig, kurzund kalt geht er der Arbeit, der Politik, dem Ernst des Lebens nach; er läßt Welt undMenschen an sich kommen, brutalisiert und mißhandelt die schwächeren Rassen und Klassen,aber zu Hause ist er in Familie und Gemeinde edel, pflichttreu, hochherzig. Mittrotzigem Frciheitssinn hat er eine Selbstverwaltung, ein Vereins- und Associationswesengeschaffen, wie kein anderes Volk es hat. Peinlich folgt er der Sitte, die für ihn stetseinen ethischen Charakter hat, die zu verletzen er für Unrecht hält. Diese Strenge derSitte garantiert überall Solidität, innere Tüchtigkeit, gute Arbeit, brauchbare Werk-zeuge und Maschinen, Möbel und Zimmereinrichtungen, die tadellos ihren Dienst thun.Mit robusten, gut genährten, viereckigen, ausdrucksvollen Körpern und Köpsen, miteiner großen Portion gesunden Menschenverstandes, mit derben Vergnügungen, mitkalter Gleichgültigkeit gegenüber Zurückbleibenden und Untergehenden, kämpfen sie denKampf des Daseins mit der Losung: dem Mutigen gehört die Welt. Mit Organi-sationstalent, mit zähem Fleiß und technischem Geschick arbeiten sie unermüdlich an derVerbesserung von Handel und Gewerbe und Ackerbau. Die Arbeit allein, sagt I. St. Mill,steht zwischen dem Engländer und der Langweile; die Mehrzahl fragt nicht viel nachVergnügungen und Erholungen; sie kennen keinen anderen Zweck, als reich zu werden,