Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
Seite
162
Einzelbild herunterladen
 

162

Erstes Buch, Land, Leute uud Technik-

burten und von Menschen mit kurzem Leben die Zahl der produktiven Jahre ein-schränkt.

Hätten wir eine Statistik der Naturvölker und srüherer Zeiten, so würden wirhier ohne Zweifel einen wesentlich jugendlicheren Altersaufbau sehen. In unserer Tabellestehen Bulgarier und Ungarn in reicher Besetzung der Jugend voran; dann folgenEngland und Deutschlands während die Schweiz und Frankreich die reichste Besetzungder Klassen von 20 60 Jahren und der Übersechzigjährigen haben. Unsere ganzeTabelle und speciell diese Relationen zeigen uns nun aber, daß sie nicht bloß vondieser Tendenz beherrscht sind, daß die Lebensverlängerung und stärkere Besetzung derhöheren Altersklassen nur so weit als ein unbedingtes Zeichen des Fortschrittes sich darstellt,wie man Völker mit gleicher Zunahme vergleicht. In unserer Tabelle stehen aber faststabile Völker, wie Frankreich, und rasch zunehmende, wie England und Deutschland .Die ersteren müssen mehr alte, die letzteren mehr junge Leute haben; in Kolonialländerntritt die Jugend noch mehr hervor. In den Vereinigten Staaten machen die unter15 jährigen 38, in Deutschland 35°/o aus.

In unseren Zahlen sprechen sich also zwei Bewegungen aus, die in gewissemSinne einander korrigieren: die Lebensverlängerung und reichere Altersbesetzung derhöheren Kultur und die Verjugeudlichung des Altersaufbaues durch eine rasche Zunahmeder Gesamtzahl. Wo diese Zunahme aushört, und wo zugleich individueller Lebensgenußund kluge Bequemlichkeit die frische Thatkraft lahmt, die Kinderzahl fehr einschränkt,da erhalten wir das Bild einer Altersgliederung mit abnehmender Kinder-, zunehmenderAltenzahl, welche nicht mehr Fortschritt, sondern Stillstand oder gar Auflösung derGesellschaft bedeutet. Ganz zurückgehende, absterbende Völker haben zuletzt fast gar keineKinder mehr, nur noch ältere Leute.

Neben diesen allgemeinen Tendenzen, die wir in dem Altersaufbau wahrnehmen,können überall besondere Umstände, wie Kriege, große Krankheiten, starke Aus- oderEinwanderungszeiten auf bestimmte Altersklassen eine Einwirkung ausüben. Die groß-städtische Bevölkerung erzeugt nicht nur meist weniger Kinder als die kleinstädtische undländliche, sie hat in der prozentualen Ausrechnung auch deshalb noch schmäler besetzteKlassen bis zu 15 Jahren, weil durch die höheren Schulen, die Lehrzeit, die große Zahlvon Dienstboten und jungen Arbeitskräften die Prozentzahl der 1530jährigen, meistnoch unverheirateten Altersklassen eine größere ist als auf dem Platten Lande. Wirdürfen bei diesen Einzelheiten nicht länger verweilen.

70. Das Geschlechtsvcrhältnis und die Verehelichung. Die zweitegroße natürliche Unterscheidung für die Beobachtung der Bevölkerung liegt im Geschlecht.Die statistische Erfahrung giebt ein scheinbar einfaches Ergebnis: das in der Hauptsacheüberall annähernd vorhandene, wie es scheint nach Störungen sich wiederherstellendeGleichgewicht der beiden Geschlechter, das sich uns als eine große Ordnung der Naturund als eine Grundbedingung unserer Gesittung, unseres Familienlebens darstellt; wirsind aber bis jetzt nicht fähig, die Ursachen und die bestimmte Art, wie dieses Gleichgewichtsich erhält, zu erkennen. Wir sehen nur, daß das einfache Ergebnis vielen kleinen Ab-weichungen unterworfen ist und sich aus verschiedenen Elementen zusammensetzt.

Auf das Gleichgewicht des männlichen und weiblichen Geschlechtes im ganzen wirkt1. die Zahl der männlichen und weiblichen Geburten und 2. die verschiedene Sterblich-keit und Auswanderung der beiden Geschlechter in verschiedenem Alter. Die Statistikunserer Kulturvölker zeigt, daß auf 100 Mädchen durchschnittlich etwa 104106 Knabengeboren werden, daß bei der etwas größeren Sterblichkeit der letzteren das Gleichgewichtgegen die Zeit der Geschlechtsreife in der Regel erreicht ist, und daß in den Staatenmit starkem Seemannsberuf, starker männlicher Auswanderung, überhaupt mit stärkcremMännerverbrauche dann die Frauen jedenfalls in den älteren Altersklassen und auch imGesamtdurchschnitt die Männer etwas übertreffen. In England kommen auf 1000 über70jährige Männer 1222 solche Weiber, in Deutschland 1132; im Gesamtdurchschnittaller Altersklassen dieser zwei Länder auf 1000 Männer 1064 und 1040 Weiber, währendin Schlesien 1113, in Norwegen 1075, in Frankreich 1014 Frauen auf 1000 Männer