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Erstes Buch. Lmid, Leute und Technik.
Verdankt seine höhere Kultur nur den Völkern, die es zu größeren Volkszahlen gebrachthaben. Aber so unzweifelhaft diese Wahrheit ist, so klar ist auch, daß alle Zunahmevon schwer zu erfüllenden Bedingungen abhängt, daß die Kämpfe der Stämme undVölker untereinander und mit der Natur, die Schwierigkeit, größere Volkszahlen zuernähren, über Krankheiten und Mißjahre Herr zu werden, immer wieder hemmenddazwischen getreten sind, daß ebenso viele oder mehr Rassen, Stämme und Völker zurück-gegangen sind oder vernichtet wurden als vorwärts kamen.
Dem entsprechend sehen wir die Völker und ihre Wünsche und Ansichten über dieZunahme, ihre diesbezüglichen gesellschaftlichen und geschlechtlichen Einrichtungen, in denletzten Jahrhunderten ihre Theorie über das Bevölkerungsproblem merkwürdig schwanken.Wir werden diese Schwankungen am besten verstehen, wenn wir sie nicht in ihrerchronologischen Folge vorführen, fondern gegliedert nach den drei möglichen Zielen,welche die Völker verfolgten, seit sie den engen Zusammenhang zwischen der Bevölkerungs-zahl und der Ernährungsmöglichkeit, wie er im Boden und den gesamten wirtschaftlichenVerhältnissen liegt, instinktiv oder vcrstandesmäßig begriffen hatten; auch die sogenanntenBevölkerungstheorien erhalten so am besten ihr Licht und ihre Stelle.
Die Völker konnten 1. pessimistisch und unter dem Drucke ungünstiger Verhältnissesich darauf verlassen, daß Krankheit, Kriege, Unglücksfälle aller Art den Überschuß anMenschen beseitigen werden, und sie konnten, wenn dies nicht genügte, direkt versuchen,durch absichtliche Hemmung ihre Zahl zu beschränken. Sie konnten 2. im Gefühle ihrerKraft sich ausdehnen, ihre Grenzen hinausschieben, fremde Länder unterwerfen, durchWanderung, Eroberung, Kolonisierung, Auswanderung sich Luft schaffen. Sie konnten3. aber auch den jedenfalls von einem gewissen Punkte an schwierigsten Weg betretenund die einheimische Bevölkerung verdichten, was in der Regel große technische undwirtschaftliche, sittliche und rechtliche Fortschritte voraussetzte.
Wir betrachten zunächst die unwillkürlichen und die willkürlichen Hemmungen.
Die ersteren waren offenbar viele Jahrtausende lang so stark, daß die Empfindungeines zu schnellen Bevölkerungszuwachses in den primitiven Zeiten nur ausnahmsweiseeintreten konnte. Am unzweifelhaftesten gilt dies sür die Jäger-, Fischer- und allewandernden Völker, deren Nahrung unsicher und ungleich ist, deren Krankheiten nichtaufhören, die, vom Aberglauben beherrscht, mit kümmerlicher Technik schutzlos denElementen und allen Feinden preisgegeben sind. Aber auch die Hirten- und primitivenAckerbauvölker sind lange immer wieder von Hunger und Krankheiten surchtbar bedroht,wenn auch bei ihnen durch Gunst der Jahre und der geographischen Lage zeitweise dieStabilität umschlägt in starke Zunahme; das geschah besonders, wenn große technischeFortschritte, wie die Viehzähmung und die Milchnahrung, ein besserer Ackerbau dasLeben erleichterte, wenn mal die Kämpfe mit den Nachbarn ruhten, durch glücklicheZufälle die gewohnten Krankheiten ausblieben. Aber häufig kehrten auch bei ihnen diegewaltigen Decimierungen natürlicher Art wieder, fo daß dann die Geburten nur dievorhandenen Lücken mehr oder weniger ausfüllten.
Wir haben die Beweise hiesür erst durch die Reiseberichte der letzten huudert Jahrein Bezug aus die wilden und kulturarmen Rassen näher kennen gelernt. Und in Bezugauf die Kulturvölker hat die neuere Geschichte der Medizin uns gezeigt, daß bis übersMittelalter hinaus auch ihre Sterblichkeit eine enorme, die Kindersterblichkeit in Genf z. B. im 16. Jahrhundert mehr als die doppelte von heute war. Ebenso wichtig wiedie gewöhnliche war die zeitweise außerordentliche Sterblichkeit. Von 531 n. Chr. anhaben 50 Jahre lang Erdbeben und furchtbare Krankheiten ganze Städte und Länderfast entleert; am schwarzen Tod 1345—50 läßt Hecker 25 Mill. Menschen in Europa sterben; vielleicht waren es nur 8—12 Mill., aber sicher ist, daß man bis Anfangdes 18. Jahrhunderts überall erstaunt war, wenn nicht alle 10 — 20 Jahre „eingroß Sterbedc" kam und aufräumte. Nach Macculloch starben in London 1593 24,1625 31, 1636 13, 1665 45°/o der Volkszahl. In solchen Fällen tötete nicht bloßdie Krankheit — Aussatz, Pest, Pocken :c. —, sondern ebenso die Stockung alles Ver-kehrs und die Hungersnot. Der Schmutz in Wohnungen und Straßen, die Schlechtigkeit