Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
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Erstes Buch- Land, Leute und Technik.

noch fast ganz im Freien ab; solche Wohnstätten konnten keinen wesentlichen Einflußauf die Wirtschaftsführung und Gesittung ausüben. Es waren meist Gebilde für einigeTage oder Monate, ohne viel Wert, von den Frauen oder Knechten rasch hergestellt.In unendlich vielen verschiedenen Übergängen ging daraus in dem Wald- und holzreichengemäßigten und nördlichen Klima das Holzhaus, das von der Axt des Mannes undseiner Genossen hergestellt ist, in den vorderasiatischen Gebieten der Hamiten undSemiten das Steinhaus hervor; beidesmal handelt es sich um die Sicherung undUmbauung des Herdes, um etwas größere Räume, um die Anordnung derselben inner-halb eines umschlossenen Gehöftes. Wir verfolgen hier zunächst den nördlichen Holzbauund seinen viel später erfolgten Übergang zum Steinbau nicht weiter, ebenso wenig denEinfluß der verschiedenen Sippen- und Familienverfassung aus die Ausbildung desHauses. Wir wollen nur hier fchon das Wort Jherings, der Schritt vom Holz- zumSteinbau sei ein ungeheurer gewesen, nicht unwidersprochen lassen; Holzbau und Stein-bau sind zu einem großen Teil Folge verschiedenen Bodens und Klimas; eine bestimmteReihe der wichtigsten Wirkungen auf Wirtschaft und Familie haben die Holz- wie dieSteinhäuser gleichmäßig ausgeübt; reichere Gliederung der Räume ist bei beiden mög-lich. Auch Jherings Satz: das Brennen des ersten Ziegels sei viel wichtiger gewesenals der erste Pflug, ist wohl übertrieben, er enthält eine kaum anzustellende Vergleichung;zwischen dem Holz- und Steinbau steht das Haus, das ueben Holz, Lehm und StrohFachwerk und getrocknete Luftziegel verwendet; schon deshalb ist das Ziegelbrennen nichtso epochemachend. Aber so viel ist sicher, daß der Bau mit gebrannten Ziegeln undrohen, später behauenen Steinen den Haus- und allen anderen Bau zu etwas vielFesterem und Dauerhafterem, gegen Feuer besser Geschütztem machte. Die Fesselung anden Boden wurde mit ihm eine andere, die Dauerhaftigkeit aller Zustände nahm zu,die Teilung der Arbeit wurde nötiger, das technische Zusammenwirken vieler wuchs,die Bcsestigungskunst, der Tempelbau, die Anwendung der Meßkunst auf die Bautenschloß sich hauptsächlich an den Ziegel und den Stein an. Die Ausbildung dertechnisch vielseitigen patriarchalischen Hauswirtschaft mit Gartenbau, Obst- und Wein-bau knüpft noch mehr an den Stein- als an den Holzbau an. Die Verlegung einersteigenden Zahl von technischen Borgängen in geschlossene oder geschützte Räume, dieUnterbringung des Viehes in Ställe, das Feuer auf dem Herd des Steinhauses, dergesicherte Schutz der Vorräte und der Werkzeuge, wie das Haus sie gab, all' das erhobdas wirtschaftliche Familienleben zu besserer Ordnung, zu Nachhaltigkeit, zu Gesittung,zur ausgiebigen Benutzung aller möglichen kleinen technischen Fortschritte. Freilich wardas assyrische Steinhaus in ältester Zeit nicht viel mehr als eine kleine, lichtlose Höhle,ein Gewölbe von Backstein oder Lustziegeln mit Asphaltüberzug über einem vertieftenGrunde; der Schutz gegen die Hitze war wohl der älteste Zweck. Aber bald fügten sichmehrere solche Räume neben- und übereinander; flache Dächer zur Benützung der Abend-kühle, offene Säulen gegen den innern Hof kamen hinzu; mit Licht und Luft wuchsdie innere Ausstattung bei den Reichen.,, Neue große Aufgaben waren der Technikgestellt, als die Häuser in Babylon, in Ägypten, in Tyrus und Sidon bereits drei-,vier-, ja sechsstöckig wurden.

Können wir uns auch von der Haus- und hofwirtschaftlichen Technik, welche sichhier im Schoße der patriarchalischen, großen und kleinen Familien entwickelte, kaummehr ein ganz zutreffendes Bild machen, so viel steht doch Wohl sest, daß damals derTypus der patriarchalischen Hauswirtschaft entstand, der als sociale Lebensform sichdrei Jahrtausende erhielt, noch heute, wenn auch verändert und eingeschränkt, besteht.Die Verbindung des Garten- und Ackerbaues mit der Hauswirtschaft, die Vereinigungdes Mahlens, Kochens, Vorrathaltens mit der Wein-, Butter- und Käsebereitung mit derFlachs-, Baumwolle- und Wolleverarbeitung, mit der Spinnerei, Weberei, Nähen imHause, die Ausgestaltung von Haus und Hos für die Unterkunft von Menschen undVieh, von Vorräten aller Art, ihre Ausstattung mit Schemeln, Stühlen, Schränken,Betten, wie wir sie schon in Ägypten treffen, all' das erzeugte die hauswirtschaftlichenTugenden, welche zuerst die vorzugsweise im Hause thätigen Fraueu besaßen, und die