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Erstes Buch. Land, Leute und Technik.
Die Ursache kann doch Wohl nur die sein, daß die Höhe der Technik nicht allein dieKraft der Völker bestimmt, ja daß große technische Fortschritte zwar zunächst die Ver-teidigung^ und Angriffsfühigkeit sowie den Wohlstand fördern, die äußern Mittel füralle Kulturgebicte vermehren, aber zugleich sehr viel höhere, ost nicht sofort oder über-haupt von den Betreffenden nicht erfüllbare politisch-moralische und sociale Aufgabenstellen. Die führenden Kreise degenerieren leicht durch Habsucht und Genußsucht, diegeführten nehmen am Fortschritt nicht teil, degenerieren durch Knechtung und hartenDruck; die Harmonie der Gesellschaft und das innere Gleichgewicht der Individuenleidet; erst die höhern moralischen und geistigen, dann auch die socialen und politischenEigenschaften, welche sür die dauernde Behauptung und Steigerung der höheren Techniknötig wären, fehlen; die Fortschritte auf dem Gebiete der höheren, der sittlichen Zweck-mäßigkeit werden nicht geinacht, die rechten Institutionen im Innern und nach außenwerden nicht gesunden. Innere und äußere Kämpfe zerstören die Staaten und ihrenWohlstand trotz hoher Technik.
So wird es begreiflich, daß der ersten großen Blütezeit asiatischer Technik eineEpoche des überwiegenden technischen Stillstandes von etwa 2500 Jahren folgte, inwelcher die Griechen und Römer, die Araber und die abendländischen Jndogermanenlangsam die asiatisch-ägyptische Technik sich aneigneten, ohne zunächst schöpferisch dieMittel und Methoden derselben wesentlich zu fördern. Und doch haben sie in anderemKlima, auf anderem Boden mit ihrer anderen Rassen-, ihrer anderen geistig-moralischenEntwickelung eine höhere Staaten- und Kulturwelt, andere und bessere sociale undvolkswirtschaftliche Institutionen geschaffen, auch die Technik in ihrer Art in vielemeinzelnen und noch mehr ihre Voraussetzungen, die Förderung der Naturerkenntnisund die Steigerung und Verbreitung der technischen Fertigkeiten so weiter gebildet,daß vom 14. und 15. Jahrhundert an schon ein gewisser Aufschwung und vomEnde des 18. eine neue große schöpferische Epoche des technischen Fortschrittes ein-treten konnte.
Ein gewisser Rückgang oder Stillstand der Technik war schon mit den großenKriegen und Eroberungen, ihren Zerstörungen, mit den großen Wanderungen undVölkerverschiebungeu gegeben, welche jedesmal vorausgehen mußten, ehe die neuegriechische, hellenistische, römische, arabische und abendländische Kulturwelt sich konsolidierenkonnte. Ein halbes, ja ein ganzes Jahrtausend brauchten die jugendlichen Völker, bissie nur aus wandernden Halbnomaden ohne Städte zum seßhaften Ackerbau, zur städti-schen Kultur, zum Steinbau, zu den Anfängen des Handels und Verkehrs kamen. Siehaben teils durch ihre Stammesart und Begabung, teils durch die Wirkung ihrerLehrmeister diese Fortschritte vielfach in fehr viel kürzerer Zeit gemacht als ihreasiatischen Vorgänger. Andererseits hat der Volkscharakter und das Christentum, habendie großen mitteleuropäischen agrarischen Flächen die technisch-gcldwirtschaftliche Ent-wickelung der nördlichen Völker gegenüber den Vorderasiaten, den Griechen und Römernverlangsamt. Jedenfalls ist die Thatsache lehrreich, daß die sämtlichen hier zusammen-gefaßten Kulturreiche die Erben der vorderasiatischen Technik waren, daß sie auf dereinen Seite in gewissen großen Zügen eine unter sich und mit ihren Vorgängernübereinstimmende Technik haben und aus der andern Seite eine so verschiedene Kulturund so verschiedene sociale und volkswirtschaftliche Institutionen erzeugten.
Die Griechen empfingen von den Phönikern die Bronzewerkzeuge und gewerb-lichen Künste, die Schrift- und die Zahlenkunde, den Stein- und den Bergbau, dieVerkehrstechnik und den Schiffsbau. In ihren rasch ausgebildeten kleinen Republikenschufen sie eine Blüte der Kunst, der Wissenschaft, der freien Verfassungsform,die weit über den Leistungen des Orients stand und sür alle Folgezeit die Muster-bilder der Kultur und des gesellschaftlichen Lebens wurden. In den großen helle-nistischen Reichen, die Alexander teils schus teils vorbereitete, verschmolz griechischeund asiatische Kultur; erhebliche technische und wissenschaftliche Fortschritte knüpftensich daran an, aber doch keine eigentliche Neugestaltung des technisch-wirtschaftlichenLebens.