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Erstes Buch. Land, Leute und Technik.
Fläche verwendet, wie die einfache Dreifelderwirtschaft. Die künstliche Düngung, dieBodenmeliorationen aller Art, die Verbesserung der Ackerwerkzeuge, die Einführung vonlandwirtschaftlichen Mafchinen, die große Verbesserung der Viehzucht durch rationelleZüchtung haben die Produktionskosten an vielen Punkten vermindert, die Ernten ver-doppelt, teilweise vervierfacht. Die Zusammenlegung der Grundstücke und der Wegebauhaben in gleicher Richtung gewirkt. Der Pflug ist so verbessert, daß er bei halberZugkraft mehr leistet als früher. An einzelnen Stellen hat man den Dampfpflug,neuestens gar elektrische Kraft angewendet. Die überall möglichen Verbesserungen habenbei der zähen konservativen Art des Landmannes noch lange nicht überall Eingang undvolle Wirkung erreicht, viele andere sind nicht allerwärts anwendbar. Fast überall aberist der Betrieb mehr oder weniger rationalisiert und verbessert worden. Daß er aberfast nirgends gänzlich geändert wurde, daß die Fortschritte hier nicht wie im Verkehrund so vielen Gewerben eine Revolution bedeuteten, darauf kommen wir gleich.
35. Würdigung des Maschinenzeitalters. Wenn wir die neuere west-europäische Volkswirtschaft nach ihrer technischen Seite als Maschinenzeitalter bezeichnen,so ist das ein Name, der von der wichtigsten, sichtbarsten Erscheinung genommen ist,das Wesen der Sache aber nicht erschöpft. Dasselbe liegt in der auf Naturerkeuntnisgestützten Rationalisierung aller Wirtschastsprozesse, in der Anwendung immer vollendeterer,komplizierterer uud doch in ihrem Erfolg billigerer Methoden und Arbeitsprozesse über-haupt, welche bei gleicher oder geringerer Kraftaufwendung doch Größeres und Besseresleisten. Die Physiologie hat in die Rassenverbesserung, die Chemie da und dort ebensointensiv eingegriffen, wie die Mechanik mit ihren verbesserten Werkzeugen und deuMaschinen Zeit und Kraft erspart, bisher nicht ausführbare Leistungen ermöglicht hat.
Aber daß man möglichst überall menschliche Arbeit zu sparen, sie durch mechanischeKraft und die Kraftmaschine zu ersetzen, daß man an Stelle des Werkzeugs die Arbeits-maschine zu setzen suchte, das bildet allerdings den springenden Punkt der Entwickelung,die wichtigste Neuerung. Der Sprachgenius hat mit Recht Werkzeug und Maschinen inGegensatz gestellt. Wir verstehen unter erstcrem ein technisches Arbeitsmittel, das denArbeitsprozeß fördert und erleichtert, aber der Hand und dem Kopf des Arbeitendendoch Sekunde für Sekunde die Ausführung überläßt, unter der Maschine ein technischesArbeitsmittel, das Naturkräfte und ein System zusammengesetzter fester Körper, kombi-nierter Werkzeuge nötigt, in mechanischer Abfolge Bewegungen auszuführen, so daß demMenschen nur die Überwachung und allgemeine Leitung des Arbeitsprozesses, eine Summekleiner, mechanischer Handgriffe bleibt. Die Kraftmaschine erzeugt und reguliert diemechanische Kraft, die Arbeitsmaschine läßt die ihr mitgeteilte Kraft auf den wirtschaft-lichen Arbeitsprozeß wirken; beide gehören zusammen. Einzelne Maschinen, wie derDampfhammer, sind Kraft- und Arbeitsmaschine zugleich. Einfachere Maschinen gab esseit Jahrtausenden, wie das Schöpf- und Wasserrad; auch den Wagen, die Töpferscheibe,den Pflng, die Kriegsmaschinen der Alten, das Spinnrad hat man als Maschinenbezeichnet. Heute gehören die Nähmaschine und viele andere hauswirtschaftliche Maschinenin das Gebiet. Werkzeug und Maschinen gehen da ineinander über, wo die Arbeit auseiner direkt die Stoffe formenden eine mehr bloß leitende wird. Das Maschinenzeitalterbesteht darin, daß die Kraft- uud Arbeitsmaschincn eine früher nie gekannte Verbreitunggefunden und einem steigeudcu Teil der Arbeitsprozesse ihren Stempel aufgedrückt haben.
Wir sahen, wie zur Menschcnkraft zuerst die lenkbare Tierkraft hinzukam, wiedann später Wind und Wasser als leicht faßbare mechanische Kräfte roh ausgenütztwurden. Erst seit hundert Jahren wurden sie recht bemeistert und die schwer faßbarenund lenkbaren, aber viel wirksameren mechanischen Kräfte Dampf und Elektricität hinzu-gefügt. Wir können uns durch ihre Summierung in der Einheit von Pferde- oderMcnschenkräften eine rohe Vorstellung davon machen, wie sie das wirtschaftliche Lebengefördert habcn. Wir benützen als Beispiel das heutige Deutschland . Seinen 26 Mill.arbeitskrüftigcr Menschen wird eine Pferde- und Rindvichkraft von etwa gleichermechanischer Leistungsfähigkeit zur Seite stehen; seine Dampfkräfte werden (nach denmittleren Rcduktiouszahleu Fairbairns eine Pferdekrast — 15 Menschen) 114 Mill.