Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
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Die historische Bedeutung der patriarchalischen Familie. Die neuere Kleinsamilie. 245

wie diese zur Muttergruppe. Ihre allgemeine Struktur, eine gewisse vaterrechtlicheGewalt, die Zusammensetzung aus Mann, Frau, Kindern und Dienstboten bleibt; ebensodie Thatsache, daß die zusammenlebenden Eltern und Kinder in sreiem Geben undNehmen, in freier gegenseitiger Unterstützung im ganzen aus einer gemeinsamen Kasseohne Abrechnung und Bezahlung untereinander wirtschaften; die Einschränkung derväterlichen Gewalt durch Staatsgesetze, durch die freiere Stellung der Frau, der Kinder,der Knechte, die Ersetzung des Frauenkaufes durch Verlobung, freie kirchliche oderbürgerliche Eheschließung, das sind Neuerungen, die längst in der Zeit der patriarcha-lischen Familienverfassung begannen, nun bloß vollendet werden. Aber die große Ver-änderung ist doch daneben nicht zu verkennen: die Familie wird kleiner, ihre wirtschaft-liche Aufgabe wird in der arbeitsteiligen Gesellschaft eine eingeschränktere; eine Reihevon Funktionen der Familie gehen auf Gemeinde, Kreis, Verbände, Kirche und Schule,Unternehmungen, den Staat über.

Die patriarchalische Familie war das allseitige Organ für alle wirtschastlichenZwecke gewesen, sie hatte, wenigstens in ihren Spitzen, zugleich politischen, kriegerischen,Verwaltungs- und anderen Ausgaben gedient; sie war, so lange sie blühte, das aus-schließlich dominierende Unterorgan der Gesellschaft und des Staates überhaupt gewesen.In dem Maße, wie nun teils aus der Familie, teils unabhängig von ihr eine Reiheanderer gesellschaftlicher Organe mit specialisierten Zwecken entstanden, mußte die Familiein ihrer allseitigen Thätigkeit eingeschränkt, sowie auf eine geringere Zahl von Personenbeschränkt werden. Wenn die patriarchalische Familie mindestens aus 10, oft aus 20und mehr Gliedern bestand, so zählt die neuere, so weit man sie statistisch verfolgenkann, 6, 5, ja nur 4 und 3,2 im Durchschnitt. Die verheirateten Kinder bleiben seltenbei den Eltern; erwachsene und verheiratete Geschwister bilden nicht mehr eine ungeteilteHausgemeinschaft wie einstens; die heranwachsenden Söhne und Töchter verlassen früherdas elterliche Haus, um anderswo zu lernen, eine Stellung zu suchen; die Zahl derKnechte und Mägde ist um so geringer, je höher die wirtschaftliche Arbeitsteilung steht.Die Eltern, einige unerwachsene Kinder, in den höheren Klassen ein oder ein paarDienstboten machen die Familie aus, sie genügen sür den Haushalt, der nicht mehr,wie einstens, möglichst viel selbst produzieren, sondern, könnte man sagen, möglichst vielsertig einkaufen will. Nicht mehr die Produktion, sondern die Herrichtung für dieKonsumtion ist seine Aufgabe: vieles, was vor 60 Jahren noch im Haushalt geschah,wie Spinnen, Weben, Kleidermachen, Backen, Schlachten, Waschen, ist selbst auf demLande teilweise aus der Familienthätigkeit ausgeschaltet: nur das Kochen, Kleiderreinigen,die Wohnung in Ordnung halten, die Kinder warten und erziehen, die kleinen Freudendes Familienlebens ermöglichen und vorbereiten, das ist der gegen früher so sehr ein-geschränkte Zweck der Hauswirtfchaft, deren Leitung nun ausschließlich oder überwiegendder Frau zufällt. Wenn schon ein römischer Ehemann auf das Grabmal seiner Gattinals höchstes Lob schrieb: ckomum ssi-vavit, lanam tseit, so umschrieb er damit denwesentlichen Inhalt der hauswirtschaftlichen Thätigkeit in den arbeitsteiligen Kultur-staaten überhaupt. Der Ehemann, ost auch erwachsene Söhne und andere Glieder derFamilie gehören der Familie nur noch als genießende, nicht als eigentlich arbeitendeGlieder an. Ihre Thätigkeit ist hinaus verlegt in die anderweiten socialen Organi-sationen.

Der Anfang zu dieser Ausscheidung ist alt. Wo die großen herrschaftlich-patri-archalischen Haushalte einen allzu großen Umfang erreichten, wo man nicht mehr alleDiener, Sklaven, Hörige oder Gefolgsleute selbst beköstigen un.d bekleiden wollte, dawies man diesen dienenden Kräften besondere Hütten, Grundstücke, Natural- oder Geld-einkünfte zu, und so entstanden kleine Sonderhaushalte und Familienwirtschaften, derenVäter auf dem Herrenhofe dienten, deren übrige Glieder das zugewiesene Feld bebauten,für Speise, Trank, Kleidung und die anderen kleinen Tagesbedürsnisse ihrer Familieselbst sorgten. Das in Naturalien, Bodennutzung oder Geld bestehende, vom Vaterallein oder jedenfalls nur von 23 Familiengliedern verdiente Einkommen begann diewesentliche Grundlage der wirtschaftlichen Existenz der Familie zu werden.