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Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.
Mag man bei Vergleichung dieser Zahlen unter sich und mit den älteren daranerinnern, daß der veränderte Geldwert und der Ersatz naturaler Staatsansprüche durchGeld die Vergleichbarkeit erschweren, das ungeheure Wachstum der modernen staatlichenFinanzwirtschast gegen alle früheren Zeiten geht doch klar aus all' diesen Zahlen hervor.Erst seit den letzten 200 Jahren begann der Prozeß, der große einheitliche Staaten miteinheitlichen Wirtschaftsinstitutionen und einheitlich centralisierten Finanzen schuf.
Es ist nur ein anderer Ausdruck derselben großen Erscheinung, daß die Staats-gewalt vom 16. —19. Jahrhundert versuchte, die selbständige Organisation und dieselbständigen Finanzen der Städte, Gemeinden, Territorien und Provinzen, aus derenZusammenfassung die größeren Staaten hervorgingen, zu beschneiden, teilweise ganz zubeseitigen. In Preußen z. B. hören die ständisch-finanziellen Organisationen der Pro-vinzen im 18. Jahrhundert fast ganz auf; die meisten Städte werden im 18. Jahr-hundert auf ein Jahresbudget von 3000—30 000 Mark reduziert; selbst Berlin hatte1734 mit 86 000 Einwohnern nur eine Ausgabe von 72 000 Mark, während im Mittel-alter Städte mit 10 000 das 2—6fache Budget hatten. Aber ebenso klar ist, daß diefinanzielle Centralifation, an ihrer äußersten Grenze angekommen, in unserem Jahr-hundert beginnen mußte, den mittleren und kleineren Gebictskörperschaften wieder einegrößere Thätigkeit und Selbständigkeit einzuräumen. Und so sehen wir heute, daß neuereReichsbildungen, z. B. die Deutschlands , neben den Reichs- die Staatsfinanzen belassenhaben; von den Vereinigten Staaten und der Schweiz gilt Ahnliches. Österreich-Ungarn hat den Kronlanden eine erhebliche Selbständigkeit belassen oder wieder gegeben;überall werden zwischen Staat und Gemeinde neue Gebictskörperschaften geschaffen, teil-weise die Gemeinden vergrößert und zusammengelegt; allerwärts sind die Aufgaben unddie Finanzen dieser Gebilde wieder in aufsteigender Linie begriffen. Über die Größeder neueren örtlichen Selbstverwaltungskörper sei noch folgendes beigefügt.
Die Gemeindemarkungen in Deutschland schwanken heute zwischen 4 und 13 Geviert-kilometern; in Ostpreußen und Schlesien umfaßt eine Gemeinde einschließlich der Guts-bezirkc durchschnittlich 4 — 5, in der Rheinprovinz , Hessen-Kassel, Sachsen, Posen,Brandenburg 5—8, in Hannover, Westfalen, Schleswig-Holstein 9—13, in Württem-berg 10 Geviertkilometer. — In diesen Zahlendurchschnitten sind alle Gemeinden, auchdie großen Stadtgemeinden, es ist alles unwirtliche Land, der gesamte Waldbestandeinbegriffen; das bewohnte und bebaute Land schrumpft also auf zwei Drittel oderweniger zusammen. Von der Seelenzahl der deutschen Landgemeinden haben wir oben(S. 269) schon gesprochen; wir sahen, daß fast die Hälfte der preußischen Landgemeindenunter 200 Seelen, die als Kommunen geltenden Gutsbezirke noch weniger Bewohnerhaben, während im Süden und Westen Deutschlands die Seelenzahl der Gemeinde aus5—800 steigt, wie sie etwa auch in Frankreich sein wird. Dort kommen jetzt 14 bis15 Geviertkilomcter auf die Gemeinde. In Österreich zählt eine politische Gemeinde500—1500 Seelen, jede umsaßt aber durchschnittlich 2—3 Ortschaften; diefe, die älterenGemeinden, haben 120—800 Seelen.
Nehmen wir den Durchschnitt einer alten germanischen Mark, welche, von denkleinsten (1^) und den größten nordischen (8) abgesehen, 3—5 Geviertmeilen hatte,zu 4 gleich 225 Geviertkilometer, an, so sind heute 17—20 Dörfer auf einem solchenRaume. Überall haben sich in der langen historischen Entwickelung über den Dörfernwieder größere Gebietskörperschaften, Grafschaften, Departements, Kreise, Arrondissementsund wie sie alle heißen entwickelt. Die englische Grafschaft hat durchschnittlich2585 Geviertkilometer. Der preußische Kreis 200 — 2000, durchschnittlich 825, mit24 000—100 000 Seelen. Die süddeutschen Obcrämter sind etwas kleiner; die fran-zösifchen Arrondissements haben 1436 Geviertkilometer durchschnittlich. Auch zwischendiesen größeren Gebilden und den Dörfern haben sich überall noch Mittelglieder gebildet;z. B. in England seit der Reformation die Kirchspiele, welche ursprünglich 13, späterdurch Teilungen 8—9 Geviertkilometer umfaßten, heute etwa 1700 Seelen zählen. Daauch sie für die kommunalen Zwecke zu klein waren, bildete man neuerdings (meist mitden Friedensrichterdistrikten zusammenfallend) die Kirchspielunionen, 150—200 Geviert-