Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
Seite
322
Einzelbild herunterladen
 

322

Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Werden können (z. V. Bibliotheken), übernehmen. Man hat sich bemüht, alle dieseErscheinungen auf Gemeinbedürfnisse, im Gegensatze zu den Jndividualbedürfnisseu,zurückzuführen.

So wenig solchen Versuchen ein gewisser wissenschaftlicher Wert abzusprechen ist,so wenig können sie doch praktisch im einzelnen Falle entscheiden. Es handelt sich umeinen großen, langsamen Umbildungsprozeß, wie wir schon sahen; dabei entscheidenneben den Principien und großen Ursachen viele kleine, unter denen die jeweiligenMachtverhältnisse der Regierungen, der Parteien und Klassen, die Fähigkeit und Integritätdes Beamtentums obenan stehen. Ein Staatseisenbahnsystem ist in einem gut regiertenmonarchischen Staate mit tüchtigen Beamten vielleicht ebenso zu empfehlen wie in einemLande mit bestechlichen Beamten und ausgedehnter parlamentarischer Patronagc zuwiderraten.

Eines bleibt immer wünschenswert: weder darf die öffentliche Wirtschaft dieprivate, noch diese jene verschlingen; sie müssen sich die Wage halten, sich gegenseitigkorrigieren: keine dauernd segensreiche Steigerung der Staatsgewalt und der Staats-finanz ohne entsprechende Fortschritte der individuellen Freiheit, der Freiheit der Vereine,der Gemeinden und sonstigen Körperschaften. Mancherlei hat der Staat und die Finanzauch nur vorübergehend übernommen, um einer Organisation den Stempel ihrer gemein-nützigen Ideen aufzudrücken; dann kann der Staat die Anstalt wieder anderen unterihm stehenden Organen übergeben. Jedenfalls aber ist heute auch in unserer Technikund in unserem Verkehr kein Grund vorhanden, daß eine ungeheure staatliche Riesen-maschinc Familie und Unternehmung absorbierte. Sie sind die einfacheren, natürlichen,Viel leichter herzustellenden, auf sicherer wirkenden psychologischen Motiven beruhendenOrgane. Jedes Bedürfnis, das mit einem einfachen socialen Apparate ebenso gut undbilliger befriedigt werden kann, darf nicht einem großen und komplizierten, teureren Mecha-nismus überliefert werden. Wenn heute noch in Deutschland die Hälfte aller Menschenihre Kartoffeln, ihr Brot, ihr Schweinefleisch selbst produzieren, wozu sollen diese Produkteden Umweg durch einen socialistischen Staatsapparat machen? Die Individuen, dieFamilien, die kleineren und größeren Geschäftsunternehmungen, die arbeitsteilig füreinander arbeiten, werden heute wie in absehbarer Zukunft trotz der UnVollkommenheitenund Schattenseiten ihrer Produktion, aus die wir in anderem Zusammenhange kommen,die gewöhnlichen wirtschaftlichen Thätigkeiten behalten, jene alltäglichen Gegenstände her-stellen, die jeder beurteilen kann, deren Dringlichkeit jedem gleich deutlich ist, die wirteilweise auch vom Auslande beziehen, also aus Händen, denen die Staatsgewalt dieHerstellung nur abnehmen könnte, wenn sie bereits zu einer Weltcentralstaatsgewaltgeworden wäre. Dem Leben der Individuen und Familien wäre der wichtigste Teilseines Inhalts und seines Strebens, seiner Verantwortlichkeit und Freiheit genommen,wenn diese Alltagsbedürfnisse und ihre Befriedigung auf einen Staatsapparat übertragenwären. Die Mannigfaltigkeit und steigende Verschiedenheit der socialen Organisations-formen, die stets das Zeichen höherer Kultur ist, wäre durch die Monotonie der un-geheuerlichen Staatswirtschaft beseitigt.

Eine zahlenmäßige, breitere und sichere Kenntnis über das Verhältnis von öffent-licher und privater Wirtschaftsthätigkeit besitzen wir leider nicht. Aber einen ungefährenMaßstab dafür vermögen doch Zahlen wie die folgenden zu geben. David A. Wells führt aus, zu Anfang unseres Jahrhunderts hätten die Ausgaben der großbritannischenRegierung ein Drittel des Nationaleinkommens betragen (die enormen Kriegsausgabenhatten das Budget von 11 s1784j auf 116 Mill. F s1815j angeschwellt), heute machensie ein Zwölftel aus. Mit den kommunalen Ausgaben werden sie wohl auch heuteein Sechstel betragen. Das preußische Volkseinkommen wird gegenwärtig auf 12 bis15 Milliarden Mark geschätzt; die Regierung giebt 1900 (unter Zuschlag von 60°/«des Reichsbudgets) 4,16 Milliarden Mark aus, also auch etwa VL'/4; mit Zusügungaller anderen öffentlichen Haushalte, aller Kirchen-, Stiftungs-, gemeinnützigen Haushaltewäre es noch mehr. Jedenfalls zeigen diese Zahlen die ungeheure, freilich nicht überallgleich große Bedeutung der öffentlichen Haushalte, ihren Einfluß auf die Volkswirtschaft.