Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
Seite
323
Einzelbild herunterladen
 

Privat- und Staatswirtschaft in der Gegenwart.

323

Sie sind in Großbritannien und Preußen die größten Geldempfänger und -zahler, diegrößten Kapital- und Kreditnehmer, die größten Abnehmer und Besteller von Bauten,von Erdarbeiten, von Maschinen und Waffen, häufig auch von Wagen und Schiffen;sie haben die größte Nachfrage nach Beamten und Arbeitern, sowie eine weitgehendeEinwirkung auf alle Privatwirtschaften durch die Steuern und durch die wirtschaftlicheVerwaltung in der Hand. Wo vollends die centralen neueren Wirtschaftseinrichtungenfür Verkehr und Kredit in ihren Händen ruhen, wo sie die Zoll- und Handelspolitikbenutzen wollen, ist es nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, sie beherrschten damitdas Ganze, auch wenn drei Viertel bis fünf Sechstel alles wirtschaftlichen Lebens nochdem freien Willen der einzelnen unterstehen.

Eine außerordentliche Ausdehnung der staatlichen Wirtschafts- und Finanzthätigkeithat von 15001815 und dann wieder von 18501900 stattgefunden. Man hat deshalbvon einemGesetz" der wachsenden Ausdehnung der Staatsthätigkeit gesprochen. Wirhaben mancherlei Zahlenbelege für diese Ausdehnung schon oben (S. 28283) angeführt.Zur vollen Klarheit über ihre Bedeutung käme man freilich erst, wenn man zugleichin sicherer und umfassender Weise Rechenschaft darüber ablegen könnte, wie die privat-wirtschaftlichen Einnahmen und Ausgaben daneben stiegen. Jedenfalls aber stehen dieserSteigerung, wie wir sahen, große Schwierigkeiten und eine bestimmte Grenze entgegen;es ist nicht davon die Rede, daß sie gleichmäßig fortdauern kann. Die Grenze liegtteils im Wesen der verschiedenen Bedürfnisse und der verschiedenen Wirtschaftsorgani-fationen, teils in den besonderen Verhältnissen des einzelnen Staates. Ob man heutenicht teilweise schon zu staatssocialistisch geworden, ob man heute viel weiter gehen könne,darüber streiten die Parteien und Klassen. Ich glaube, die Bewegung auf Verstaatlichung,noch mehr die auf Kommunalisierung ist augenblicklich noch im Wachsen, aber sie wirdnicht mehr sehr wichtige und große Gebiete in absehbarer Zeit ergreifen. Der Unterschiedder angeführten Zahlen in Bezug auf Preußen und Großbritannien zeigt, um welcheUnterschiede es sich heute etwa in den Kulturstaaten handeln kann. Wo die Staats-gewalt nur '/12 des Nationaleinkommens ausgiebt, müssen andere wirtschaftliche undstaatliche Zustände vorhanden sein als da, wo sie über ^8 verfügt.

Der Unterschied, um den es sich dabei handelt, ist nicht durch den verschiedenenReichtum, nicht durch die verschiedene Technik, auch nicht durch die verschiedene socialeKlassengliederung bedingt, sondern wesentlich durch die von Volkscharakter, geographischerLage, Geschichte und politischer Verfassung hervorgebrachte Verschiedenheit in den Be-ziehungen der Staatsgewalt zu dem individuellen Leben. Eine stärkere oder schwächerepolitische und wirtschaftliche Centralisation kann es in ärmeren und reicheren Staatengeben, obwohl die moderne Volkswirtschaft wie jeder große gesellschaftliche Fortschrittnirgends ohne erhebliche Anläufe der Centralisation entstand; aber es fragt sich, obeine solche anhält, ob nicht bald (wie zuerst einst in Holland, später in England , dannauch in Frankreich, vielleicht am meisten in den Vereinigten Staaten ) die besitzendenKlassen es verstehen, mehr für ihre Stärkung als für die der Staatsgewalt zu sorgen.Die scheinbar demokratische Lehre, der Staat müsse schwach, die Gesellschaft stark sein,bedeutete praktisch so viel wie: die oberen Klassen müssen ohne wesentliche Schrankensich bereichern, den Staat beherrschen können. Diese Schwächung des Staates und seinerwirtschaftlichen Mittel tritt am leichtesten ein, wenn derselbe durch seine Lage, wieEngland und die Vereinigten Staaten , von außen gar nicht bedroht, am wenigsten,wenn er sehr gefährdet ist, wie Preußen. Dort kann am leichtesten die reiche Gesellschaftund der arme Staat entstehen; es fragt sich nur, ob die reiche Gesellschaft nicht inWahrheit eine solche mit einer kleinen Zahl sehr reicher, einer großen Zahl sehr armerBürger sei, und ob so die schwächere Staatsgewalt einen Fortschritt bedeute, ob sie aufdie Dauer der volkswirtschaftlichen Gesamtentwickclung günstig sei.

Jedenfalls aber sehen wir mit diesen Betrachtungen, daß die Beziehungen deröffentlichen Haushalte und der öffentlichen Wirtschaftsanstalten zur Volkswirtschaft wederrein wirtschaftlich, noch rein technisch zu erklären sind. Gewiß, die Fortschritte destechnischen, des privatwirtschaftlichen Lebens, der Bedürfnisse, der Produktion, des Ver-

21*