Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
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Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Die Arbeitsteilung ist eine und vielleicht die wichtigste Erscheinung des gesellschaft-lichen Lebens, sie trennt und verknüpft die Menschen politisch, geistig, wirtschaftlich undzwar in dem Maße, wie die Kultur steigt, die gesellschaftlichen Körper größer und ver-schlungener werden. Die Stämme roher, primitiver Menschen zeigen wenig körperlicheund geistige Verschiedenheit; jeder lebt, nährt sich wie der andere, stellt seine Kleiderund Geräte wie der andere her; auch der Häuptling führt alle die kleinen Verrichtungenfür seinen eigenen Bedarf aus wie der letzte Stammesgcnosse; selbst Mann und Frauunterscheiden sich nicht viel in ihrer wirtschaftlichen Lebensfürsorge, so lange jedes aufsich angewiesen ist. Sobald nun zu gewissen Arbeiten mehrere zusammentreten, sei esder Geselligkeit, sei es der Größe und Krafterfordernis der Aufgaben wegen, entstehteine gewisse Vergesellschaftung; die Sippen in ihrer Thätigkeit, auch die Familien, späterNachbarn und Arbeitsgenossenschaften, die ältere Kriegsverfassung, manche Arbeiten, diemit der Feldgemeinschaft sich ergeben, führen zu solcher Gemeinschaft der Arbeit; Bücherhat sie neuerdings zu beschreiben und zu klassifizieren gesucht. Aber sie erzeugen zunächstnur die Gemeinsamkeit der gleichen, oft im Rhythmus verrichteten Arbeit, die nichtdifferenziert, meist nur vorübergehend die Menschen in Beschlag nimmt. Sobald abereiner befiehlt, die anderen gehorchen, sobald die Frau den Hackbau treibt, der Mannjagt, sobald ein Teil der Männer Eisen schmilzt und Geräte fertigt, der andere denAcker baut, sind die Anfänge der Arbeitsteilung und eine höhere Form der Organisie-rung der gesellschaftlichen Gruppen vorhanden.

Alle Arbeitsteilung knüpft an gewisse geistige, moralische, kriegerische, technischeFortschritte an. Aber nicht jeder solche Fortschritt erzeugt sofort Arbeitsteilung. Diemeisten Verbesserungen menschlichen Thuns, menschlicher Arbeitsmethoden fügen sichzunächst in die hergebrachte Lebensweise der betreffenden so ein, daß sie zu einer zeit-weise geübten Funktion ihres täglichen Lebens und Treibens werden. Das Feuer, dieWerkzeuge, die Tierzähmung, die Künste des Kochens, Spinnens und Webens sind Jahr-tausende lang von allen oder den meisten Gliedern unzähliger Stämme so ausgeübt worden,ohne zu einer Arbeitsteilung Anlaß zu geben. Jahrhunderte lang war der römischeBauer zugleich Soldat, der römische Großgrundbesitzer nebenher Priester, Jurist, Offizierund Kaufmann. Die ausgebildete Haus- und Eigenwirtschaft der indogermanischen undsemitischen Völker umfaßte lange Ackerbau, Viehzucht und gewerbliche Künste allerArt, wie heute noch die der norwegischen und anderer isolierter Bauern. Bis in dieGegenwart bleibt überall ein Teil alles wirtschaftlichen und Kulturfortschrittes auf dasZiel gerichtet, in den Thätigkeitskreis der Individuen und Familien so weitere Einzel-heiten und Verbesserungen einzufügen, die mit der bestehenden Lebensweise sich vertragen.Die Arbeitsteilung setzt erst da ein, wo ein Teilstück einer Lebenssphäre so anwächst,daß es nicht mehr Glied derselben bleiben kann, daß es seinen eigenen Mann fordert,wo die Einfügung neuer Operationen und Thätigkeiten ins hergebrachte Leben nichtgeht, zu fchlechte Resultate liefert, wo man für die neue Thätigkeit einen freiwilligen odererzwungenen Vertreter und eine ernährende Lebensstellung für ihn findet oder eine folcheschaffen kann. Das Leben derer, für die der arbeitsteilig Fungierende nun eine Arbeit über-nimmt, wird meist nicht allzuviel verändert, es wird nur an einzelnen Punkten entlastet.Aber der, welcher den Teilinhalt nun zu seiner Lebensaufgabe macht, muß seine Lebens-weise gänzlich umgestalten. Zwar muß auch er für seine und seiner Familie Wirtschaftund Lebenszwecke eine gewisse Zeit und Kraft behalten, denn gewiffe unveräußerlicheEigenzweckc kann niemand aufgeben, aber sie werden eingeschränkt, müssen sich mit seinerneuen Thätigkeit sür andere vertragen.

Jeder Fortschritt der Arbeitsteilung verläuft so in Kompromissen zwischen demAlten und dem Neuen, zwischen der bisherigen Vielseitigkeit der Arbeit und der Speciali-sierung. Was früher allgemein und selbstverständlich in der Wirtschaftsführung derFamilie, der Gemeinde, einer Unternehmung verbunden war, ist nun eine getrennteFunktion von zweien oder mehreren, und wenn sich diese Scheidung eingelebt hat, soerscheint sie nun von diesem Standpunkte als etwas, dessen Verbindung, wo sie nochbesteht, überrascht, als rückständig erscheint. Und doch hatte die ältere Verbindung oft