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Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.
Ehre, die größere Macht, das größere Einkommen und Vermögen. Sie steigen in hartenDaseinskämpfen aus, denen Gewalt, Betrug und Mißbrauch so wenig fehlen kann wieallem Menschlichen. Die Priester haben Dokumente gefälscht, um ihren Besitz zu mehren,die Ritter haben widerrechtlich Bauern von ihren Hufen vertrieben, die Händler habenmit List und Betrug, mit Wucher und oft auch mit Gewalt ihren Besitz vergrößert. Siehaben stets gesucht, ihre Stellung um jeden Preis zu befestigen, sie haben die übrigeVolksmassc herabgedrückt, sie ihrer Leitung und Gewalt unterstellt. Aber auch in derGruppenbildung, welche einzelne Befehlende und viele Gehorchende schuf, lag ein Fort-schritt für die Zukunft. Denn es war die Bedingung jeder größeren festen Organisationund zugleich die der künftigen Emporhebung und Erziehung der Massen, wenn auchzunächst damit Härten und Mißbildungen aller Art eintraten.
Die erwähnten aristokratischen Gruppen werden meist nur einige Prozente derVölker ausgemacht haben; die Masse lebte in hergebrachter Weise weiter, als kleineAckerbauern, Hirten, Waldbewohncr, in den Städten nach und nach als Handwerker.Diese Gruppen der Gesellschaft, aus denen dann der Mittelstand sich zusammensetzte,treten uns bald allein, bald auch in Verbindung mit einer unter ihnen stehendenSchicht entgegen. Sie kommen teilweise auch in Abhängigkeit von den aristokratischen,führenden Teilen der Gesellschaft, teilweise behaupten sie eine gewisse Freiheit. Jedenfallssind es Teile der Gesellschaft, die mehr die alte Zeit, Technik, Wirtschaftsweise, als dieneue repräsentieren, aus denen heraus viel weniger als aus den aristokratischen derFortschritt entspringt. Die führenden Elemente bedürfen stets der mechanischen Hülfe,der dienenden Kräfte; wo Großes geschehen soll, da geht es nicht anders. Nur wo einKluger und Kräftiger befahl, und die, welche über gute Arme verfügten, gehorchten, nurwo eine gewisse Arbeitsteilung zwischen geistiger und mechanischer Arbeit Platz griff,konnten erhebliche politische und wirtschaftliche Erfolge erzielt werden. Die aufsteigendenhöheren Klassen bedurften überall mit der Zeit einer solchen Arbeitsteilung.
Sie war zunächst überall durch die patriarchalische Familienverfassung gegeben:die Frauen, die Söhne und Töchter, oft auch verheiratete Kinder, ältere unverheirateteGeschwister und Verwandte, die Knechte und Mägde waren in ihr die ausführendenKräfte. Soweit die patriarchalische Familie Platz griff, entstand so eine Arbeitsteilungteils, für Jahre, teils fürs Leben, die nur eine kleine Zahl Befehlender kannte. Diekleine, neuere Familie schuf diese Stellung für eine etwas größere Zahl. Aber auch siebeließ zunächst den größeren Teil der 12—30jährigcn in einem Dienst- oder Arbeits-verhältnis bei ihren Eltern oder in anderen Familien, in Kleinbetrieben; ihre Stellungwar auch in letzteren vielfach die von Familiengcnossen, welche Wohnung, Unterhalt undKleidung, daneben einige Geschenke, auch etwas Geld erhielten. Wir werden unten daraufzurückkommen, welch' großer Teil der heute in der Statistik aufgeführten Arbeiter nochFamilienglieder oder Leute sind, welche, ohne dem Arbeiterstande anzugehören, bis zum25. oder 30. Jahre in einer dienenden Arbeitsstellung sind.
Aber wo die herrschaftlichen Organisationen sich ausdehnten und befestigten,reichten vielfach die Familienglieder und jungen, freien Leute nicht aus. Wo verschiedeneRassen und Völker sich bekämpften, die einen die anderen unterwarfen, wo dann ver-schiedene Rassen durcheinander wohnten, ergaben sich hiedurch Abhängigkeitsverhältnisse,die nicht bloß auf die Jüngeren sich beschränkten. Es entstanden so besondere Klassenmechanisch dienender Kräfte als die notwendigen Ergänzungsglieder der aristokratischenKreise und ihrer Organisationen.
Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Lage dieser Kreise fand ihren rechtlichenAusdruck in den drei großen Institutionen der Sklaverei, der Leibeigenschaft, der freienArbeit. Die erstere knüpft in ihrer Entstehung rein an die Familie an, wird aber dannmit der Entstehung der Unternehmung etwas wesentlich anderes; die Leibeigenschaftknüpft an die Unterwerfung ganzer Stämme an und wird das ergänzende Glied derGrundherrschaft; die persönlich freie Lohnarbeit ist das Ergebnis der modernen persön-lichen Freiheit, des Rechtsstaates und der Geldwirtschaft und bildet das ergänzendeuntere Glied der modernen Unternehmung.