Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
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Gelernte und ungelernte Arbeiter. Liberale Berufe,

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vierter Stelle kommen dann die Arbeiter; die obere, wie mir scheint, größere Abteilungderselben, die gelernten und besser bezahlten Arbeiter, zu denen noch die höhere Schichthausindustrieller Meister tritt, sind, wenn man so sagen darf, die heutigen Nachfolgerdes mittelalterlichen Handwerkerstandes; sie bilden mit den noch vorhandenen Hand-werkern und Kleinbauern die untere Hälfte des Mittelstandes. Die nichtgelerntcn, nichtarbeitsteilig specialisierten Arbeiter und Tagelöhner bilden eine sociale Klasse für sich;in früheren Epochen Sklaven oder Leibeigene, sind sie heute freie Arbeiter: ihr Zahlen-und ihr sonstiges Verhältnis zu den gelernten Arbeitern, zum Mittelstande und zurgewerblichen Aristokratie ist der Angelpunkt der heutigen socialen Entwickelung.

119. Die Arbeitsteilung der liberalen Beruse; die räumlicheArbeitsteilung. Da wir im vorstehenden schon fast zu ausführlich waren, müssenwir über diese Teile oder Seiten der Arbeitsteilung uns mit wenigen Worten begnügen.

Das staatliche und Gcmcindebeamtcntum, der ärztliche, der Künstlcrberuf, dasLehrer- und Gelehrtentuni, die Journalistik haben in unseren neueren Volkswirtschafteneine steigende Ausdehnung, eine zunehmende Specialisieruug ihrer Thätigkeitssphärenerhalten. Das Eigentümliche ihrer Beruse liegt in dem Umstände, daß viele dieserThätigkeiten in älterer-Zeit unbezahlte Nebenbeschäftigung der Priester oder andererAristokraten war, daß daneben aber früh der bezahlte Spielmann, Gaukler, Arzt,Künstler trat, daß aber die Formen und Grenzen dieser Bezahlung so schwer zu findenwaren.

Die ältere aristokratische Einrichtung der Nichtbezahlung hatte das sür sich, daßdiese höheren liberalen Thätigkeiten meist leiden, schlecht ausgeübt werden, wenn derGewinn sie auslöst. Sokrates verachtet die Sophisten, die für den Unterricht sichbezahlen lassen, als Krämer, welche mit den Gütern der Seele Handel treiben. Nochheute giebt es viele Hieher gehörige Handlungen und Dienste, für welche der anständigeMann nichts nimmt: der ganze unbezahlte Ehrendienst in der Selbstverwaltung gehörthicher.

Aber das Princip reichte schon im Altertume nicht aus, heute noch viel weniger.Allerwärts entstand mit der Geldwirtschast und höheren Arbeitsteilung die Bezahlungder liberalen Thätigkeit; es drängten sich dazu die Talente aus allen Klassen. DieFolge war zunächst in Griechenland und Rom schlimm genug. Wir sehen in Athen und Rom eine Schicht geld- und ruhmdürstiger Elemente, deren Charakterlosigkeit,Korruption und Gewinnsucht sprichwörtlich wurde. Es waren Freigelassene, in Rom hauptsächlich die einströmenden asiatischen und griechischen Elemente, Leute, die sich füralles bezahlen ließen für die schanilosesten Künste wie sür guten ärztlichen Rat, die,ohne feste Vorbildung, ohne Standesehrc, fast als eine Eiterbeule der antiken Gesellschaftbezeichnet werden können.

Als beim Übergang von der einfachen mittelalterlichen Gesellschaft in die kompliziertemoderne, die unbezahlte Aristokratcnarbeit des Klerikers und Patriciers sich wieder inähnlicher Weise umwandelte in die demokratische Schreiber-, Gelehrten- und Künstler-thätigkeit, die nach Lohn geht, drohten ähnliche Gefahren. Man lese die Schilderungnach, die Burkhardt von dem fahrenden Gelehrten des 15. Jahrhunderts entwirft, manerinnere sich, wie heute noch vielfach Schauspieler und Journalisten sich aus den Per-sonen rekrutieren, die moralisch oder sonstwie in anderen Carrieren Schiffbruch gelitten.Aber im ganzen hat die Entwickelung unseres neueren Schul-, Studien-, Examcnwcsens,auch das Vereinswesen, die Ärztekammern mit ihren Ehrengerichten und anderes derartdie meisten liberalen Beruse zu sesten Laufbahnen umgebildet, führt den einzelnenGruppen überwiegend homogene Elemente meist aus dem Mittelstande zu, hat eine festeStandesehre, feste Sitten und Gewohnheiten über Berufspflichten, sichere Anstands-schranken des Gelderwerbes geschaffen. Damit haben diese liberalen Berufe einen gänzlichanderen Charakter erhalten, als sie ihn (von den Priestern abgesehen) früher hatten;die Familien, welche ihre Söhne den liberalen Berufen widmen, sind mehr oder wenigereine sociale Klasse sür sich geworden, die weniger durch Besitz, als durch persönlicheEigenschaften sich auszeichnet, eine Klasse, die doch jedem Talentvollen offen steht, haupt-

Schmoller, Grundriß der Voilswirtschaftslehr«. I. 23