Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
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Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

sächlich aber aus den jüngeren Söhnen des Mittelstandes sich rekrutiert. Die liberalenBerufe haben dem ganzen Mittelstande, der sonst überwiegend dem Geschäfte und demErwerbe lebt, eine edlere Denkungsart eingeimpft und gewisse geistige Schwungfedernverliehen, den nackten egoistischen Klasseninteressen anderer Kreise ideale Gegengewichtegegeben; diese Kreise haben vielleicht zeitweise mit abstrakten Idealen Staat und Gesell-schaft zu sehr beeinflußt. Jni ganzen aber wurden sie die eigentlichen Träger deswissenschaftlichen Fortschrittes, des Idealismus, der vornehmen Gesinnung. Der Standunserer heutigen Geistlichen und Lehrer, unserer Ärzte und Gelehrten, unserer Künstlerund Beamten übt durch seine Berufsthätigkeit wie durch die im ganzen diskrete undanständige Art seiner Entlohnung einen außerordentlich großen Einfluß auf die Weiter-entwickelung von Gesellschaft und Volkswirtschaft aus.

Diese Entwickelung nun im einzelnen für die verschiedenen Hieher gehörigen Beruss-krcise darzulegen, in jedem einzelnen die weitere Teilung der Arbeit zu verfolgen, würdezu viel Raum fordern; es gehörte dazu eine Schilderung der Erziehungseinrichtungen,der Carricrebedingungen, der verschiedenen Staffeln in jeder Laufbahn, der Art und Höheder Bezahlung; es müßte nachgewiesen werden, aus welchen socialen Schichten und warumaus ihnen der einzelne Stand sich rekrutiert. Man müßte Ibei der Besprechung derBeamtcncarriere zuerst eine Geschichte der Ämter geben, zeigen, wie die höheren, mittleren,untergeordneten Ämter, wie die Berufe der Offiziere, Richter, Verwaltungsbeamtennebeneinander entstanden sind, wie erbliche, Wahl-, Ernennungsämter nach und neben-einander vorkamen, wie das Besoldungswesen und die unbesoldeten Ehrenämter sichgestalteten. Es würde all' das hier zu weit führen. Nur das sei zum Schluß bemerkt,daß die ganze Entwickelung des staatlichen Verfassungs- und Verwaltungsapparatesunter dem Gesichtspunkte der Arbeitsteilung betrachtet werden kann, und sich von ihmaus eine Reihe fruchtbarer wissenschaftlicher Gedankenreihen eröffnet.

Die persönliche Arbeitsgliederung wird im Anschluß an die Natur-und Verkehrsverhältnisse zur räumlichen Arbeitsteilung; diese drückt sich ausin der geographischen Verteilung der landwirtschaftlichen und gewerblichen Produktions-zweige, in den gesamten Wohnungs- und Siedlungsverhältnissen der Menschen mitRücksicht auf ihren Beruf. Wir haben diese Dinge bei der Erörterung der Siedlungfchon besprochen, müssen hier aber mit ein paar Worten auf sie zurückkommen.

Wo Stadt und Dorf nebeneinander entstehen, da ist der erste große Schritträumlicher Arbeitsteilung vollzogen: die Landwirtschaft sucht das Land, Gewerbe undVerkehr die Stadt auf. Es entstanden die stadtwirtschaftlichen Systeme mit ihrer räum-lichen Gliederung. Die Stadt selbst hatte in ihrem Centrum Markt, Kirche, Rathaus,Münze, Wage, Gasthäuser, iu ihrer Peripherie die Wohnungen, dann die landwirtschaft-lichen Gebäude, die Wein- und anderen Gärten, sowie ihr Ackerland und ihre Weide.Die Dörfer in nächster Nähe der Stadt fingen an, die rasch verderblichen, schwer trans-portablen Rohprodukte, Gemüse, Milch, Blumen, Stroh, Heu, Kartoffeln zu erzeugen;von den etwas entfernteren Dörfern kam mehr nur Getreide, von den ferner liegendenLandbezirken das Vieh, die Wolle und ähnliche leichter transportable Produkte. Thünenhat, indem er die Einwirkung der Transportkosten auf den Standort der Landwirtschafts-zweige studierte, in seinem isolierten Staate (s. S. 117) diese örtliche Arbeitsteilung derBezirke, wie sie unter dem Einflüsse eines einheitlichen städtischen Marktes sich gestaltenmuß, zuerst richtig erfaßt, sie gleichsam in ein abstraktes Schema gebracht. Es sind dieZustände, die zugleich die ältere Stadtwirtschaftspolitik erklären, wie wir sie bereits kennengelernt haben, wie sie am deutlichsten sich herausbildeten, wo in einem Kleinstaate nurein beherrschender städtischer Mittelpunkt vorhanden war.

Wo Wasscrverkchr ist, oder ein verbesserter Landverkehr entsteht, beginnt dieArbeitsteilung zwischen verschiedenen Städten und Gegenden. Nur zur Blütezeit derantiken Weltreiche und in der neueren Zeit hat diese fortschreitende räumliche Arbeits-teilung eine größere Bedeutung erhalten. Sie war Schritt für Schritt verknüpft mitder Herstellung größerer Staaten und freier Märkte in ihrem Innern; das Hinterlandnmßte seine Küsten und Flußmündungen zu erwerben suchen, die Jndustriegegend bedürfte