Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
Seite
364
Einzelbild herunterladen
 

364

Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

einschicken. Ich erinnere nur an den Ausspruch I. St. Mills, daß neun Zehntel derenglischen Detailhändler entbehrt werden könnten, und an die von Röscher beigefügteAnmerkung, die Übersetzung des englischen Detailhandels erzeuge jährlich Bankerotte imBetrage von 40 Millionen Pfund Sterling. Aber solche UnVollkommenheiten liegen inder Schwierigkeit des Problems. Sie beweisen nichts gegen die Beherrschung der Arbeits-teilung durch eine immer verständigere und immer vollkommenere gesellschaftliche Ordnung.

Diese Ordnung wird durch geistig-moralische Faktoren erzeugt, sie besteht in ein-zelnen Teilen aus der leicht umbildsamen Sitte, in anderen aus dem starren und festenRechte; sie ist teilweise durch Befehle und Gesetze von oben her gemacht, teilweise durchAnpassungen, freie Verträge, sowie Gewohnheiten der Beteiligten von unten her ent-standen. Jedenfalls fehlen in ihr nie gewisse einheitliche Tendenzen, gewisse geistig-sittliche Faktoren, Borstellungen über das, was gut, recht und billig sei. Immer sind,auch wo die Ordnung zunächst eine unvollkommene ist, die Anläufe und Ansätze vor-handen, um aus den Härten und UnVollkommenheiten, aus dem zeit- und stellenwcisenMangel an Harmonie herauszukommen zu besseren Einrichtungen.

122. Die gesellschaftlichen und individuellen Folgen der Arbeits-teilung haben wir in den bisherigen Betrachtungen über ihre Ursachen und Be-dingungen teilweise schon berühren müssen; auf einzelne andere Folgen, z. B. dieEigentumsvcrtcilung und sociale Klassenbildung, kommen wir in den folgenden Kapiteln.Hier ist aber doch noch kurz auf den Kern derselben einzugehen: was hat die Arbeits-teilung geschaffen, was hat sie aus Gesellschaft und Individuen gemacht, was hat sieihnen genützt und geschadet?

Die Arbeitsteilung ist das große Instrument des Kulturfortschrittes, des größerenWohlstandes, der größeren und besseren Arbeitsleistung. Da die beschränkte menschlicheKraft da mehr leistet, wo sie nach ihrer Eigentümlichkeit hinpaßt, da die Ausführungimmer schwierigerer geistiger und technischer Aufgaben stets eher den für sie ausgewählten,auf sie eingeschulten Kräften gelingt, so muß mit der Arbeitsteilung immer Größeresmit geringerem Aufwande erreicht werden. Arbeitsteilung ist wirtschaftlichere Aus-führung aller Arbeit, ist Kraftersparnis. Die Lebensenergie nimmt zu in dem Maße,wie die Funktionen sich specialisieren; die Specialisierung der gesellschaftlichen Organebedeutet bessere Anpassung, höhere Funktion, sichereren Effekt. Indem das gesellschaftlicheSystem der ineinander gepaßten Thätigkeiten jedem das zuweist, wozu ihn seine Geistes-und Körperkräfte, seine Rassen- und Familieneigenschaftcn, seine Erziehung und seineSchicksale, seine Gewohnheiten und sein Alter, sein Geschlecht und sein Gesundheitszustandbesonders befähigen, indem diese verschiedenen Thätigkeiten immer geschickter ineinandergefügt werden, müssen die Leistungen der Gesamtheit immer vollkommenere und größerewerden. In der isolierten Wirtschaft des Individuums findet eine ungeheure Kraft-verschwendnng statt; zu jeder Stunde muß wieder anderes gethan werden; die Hemmungund Reibung verbraucht den größeren Teil der Kraft; der Erfolg ist ein minimalergegenüber der geteilten und gesellschaftlich richtig geordneten Arbeit. Die kurze Lebens-dauer und der geringe Umfang der individuellen Kräfte erlauben eine bessere Ausbildungder geistigen und körperlichen Fähigkeiten nur auf beschränktem Gebiete.

Nur durch die Arbeitsteilung haben wir Denker und Dichter, Künstler und Tech-niker, geschickte Handwerker und bessere Ackerbauer erhalten; aller geistige und technische,aller politische und organisatorische Fortschritt beruht aus ihr. Selbst der mittelmäßigBegabte erlangt durch jahrelange Übung virtuose Fähigkeiten; der Talentvolle erlangtdnrch eine Erziehung und Einschulung in einem bestimmten Berufe körperliche undgeistige Fähigkeiten, die ans Wunderbare grenzen. Die Gewöhnung des Geistes undder Aufmerksamkeit, der Nerven und Muskeln an bestimmte Funktionen erzeugt nuneine leichtere Auslösung der betreffenden Thätigkeit; sie geschieht zuletzt automatisch, läßtdie geistige, bisher auf sie verwendete Kraft zur Verfolgung weiterer damit in Zusammen-hang stehender ArbeUszwecke frei. Die steigende Geschicklichkeit arbeitsteilig thätigerMenschen beruht wesentlich aus der Möglichkeit, bei derselben Arbeit eine Reihe vonGesichtspunkten zugleich und in richtiger Verbindung zu verfolgen. Was die Talente