Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
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Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

triebenen Gestaltungen der Arbeitsteilung. Aber sie irren historisch und praktisch, wennsie glauben, das Individuum hätte vor der Arbeitsteilung dem Ideale eines gleichmäßigausgebildeten, körperlich und geistig vollendeten Menschen näher gestanden oder würde ihmheute ohne sie näher kommen. Es ist ohne sie ein Barbar, der ißt, trinkt und faulenzt;wir wissen heute, daß alle Wilden dem tierischen Zustande viel näher kommen als diegewöhnlichen Tagelöhner der Kulturstaaten. Das Ideal einer harmonischen Ausbildung,das wir in Gegensatz stellen zur Arbeitsteilung, ist eine nur in Gedanken zu voll-ziehende Summierung dessen, was durch specialisierte Ausbildung der Kräfte in denverschiedensten Lcbensberufen Hohes und Bedeutsames erreicht wurde. Es ist unmöglich,es auf eine Person zu häufen. Wohl aber ist es die sekundäre historische Folge dervorübergehend einseitigen Arbeitsteilung, daß spätere Zeitalter gewisse Stücke des soerzielten technischen und geistigen Fortschrittes, wie z. B. das Lesen und Schreiben, diemilitärische Ausbildung, das Buchführen des Händlers, das ästhetische Gefühl desKünstlers in Form der Jugenderziehung oder in anderer Weise zu einem Teilinhaltjedes Menschenlebens zu machen suchen.

Die Arbeitsteilung schreitet, wie alles Menschliche, durch tastende Versuche, durcheinseitige Gestaltungen und Ordnungen vorwärts. Die harten Jnteressenkämpfe drückenauch ihr erst zeitweise einen häßlichen Stempel auf; ganze Gesellschaftsgruppen sind durchsie, durch eine zu einseitige körperliche oder geistige Arbeit ohne Gegengewicht verkümmertoder verkrüppelt worden. Ihre bisherige Gestaltung in manchen Fabriken ist unzweifel-haft gegenüber der älteren Gestaltung, wie sie im Bauernhaus und in der Handwerks-stätte sich fixiert hatte, für menschliche Erziehung und Gesittung ein Rückschritt. Aberdiese Gestaltung ist auch der wesentlichsten Umgestaltung fähig, ebenso wie früher gewisseExtreme der Arbeitsteilung wieder umgebildet oder gar ganz rückgängig gemacht wurden,z. B. die Sklaverei. Es ist selbstverständlich, daß jede zu einseitige Ausbildung undThätigkeit einer einzelnen körperlichen oder geistigen Funktion die Gesundheit des ganzenMenschen bedroht, und daß so zuletzt auch die Specialkraft gelähmt werden kann.Aber deshalb ist nicht jede Arbeitsteilung falsch, sondern nur gewisse extreme Gestaltungenderselben; ihre maßvolle mit Gegengewichten und Schranken umgebene Durchführung,ist das der beschränkten individuellen Menschenkraft adäquate; sie ist das Mittel, dasIndividuelle und Wertvolle im Menschen auszubilden. Deshalb sagt Hegel mit Recht,wer einen speciellen Beruf ergreift, ergiebt sich nicht dem Niedrigen, sondern wird erstein rechter Mensch. Und Goethe läßt mit Recht den titanischen Faust als Dämmebauenden Landwirt, den ästhetisierenden Wilhelm Meister als Wundarzt enden undglücklich werden.

Es kommt bei jedem Schritte der Arbeitsteilung darauf an, wie er die Motive undZielpunkte menschlicher Thätigkeit umgestalte und durch Veränderung des ganzen Lebensund seines Inhaltes auf die Individuen zurückwirke, wie die unveräußerlichen Eigenzweckejedes Menschen und die arbeitsteiligen Funktionen sich vertragen, wie der Verlust aus derSeite der allgemeinen Ausbildung und vielseitigen Thätigkeit ausgeglichen werde durchdie Thatsache, daß die einseitige Specialarbcit den Menschen doch in den Dienst derGesellschaft stelle, ihm neben harter Arbeit doch auch höhere Zwecke setze oderwenigstens ihn einfüge in ein System gesellschaftlichen Zusammenhanges und sittlicherSolidarität. Die Abrechnung zwischen diesen beiden Konten kann dabei immer wiederzeitweise zuungunsten des Individuums aussallen; d. h. der gesellschaftliche Fortschrittuud die Arbeitsteilung ist nicht möglich, ohne daß immer wieder zeitweise ihr einzelneIndividuen und Klassen geopfert werden.

Und daher wird stets von neuem der Antrieb entspringen, die gesellschaftlichenOrdnungen so weit zu bessern und zu korrigieren, daß die Zahl dieser Opfer abnehme.Aber es heißt, sich auf den individualistischen statt auf den gesellschaftlichen Standpunktstellen, wenn die socialistische Theorie alle Arbeitsteilung aufheben, jeden Menschen füralle Berufe erziehen und ihn dann stunden-, tage-, monats- oder jahreweise allenzuteilen will. Damit wird die menschliche Natur und ihre Ausbildungssähigkeitgänzlich verkannt; es wird die Vererbung der menschlichen Fähigkeiten übersehen; es