Der Einfluß der Nasse, d. Arbeitsteilung u. d. Eigentnmsverteilung auf d. Klassenln'ldung, Z97
Gruppen der Gesellschaft einen eigentümlichen Stempel aufdrücken. Solange der Herrund der Knecht dasselbe thaten, ganz gleichmäßig lebten, konnte es keinen großen Klassen-gegensatz zwischen ihnen geben; wo aber der Ritter aufhörte, den Pflug, der Bauer dasSchwert zu führen, bedingte die Verschiedenheit des Berufes und der Arbeit den socialenGegensatz.
Die Thatsache der verschiedenen Arbeits- und Berufssphären schafft so verschiedenenBlutlaus, verschiedene körperliche und geistige Ausbildung, verschiedene Ideale undLebenszwecke. Die bisher Gleichen, die sich vorher als Verwandte und Genossen be-handelten, werden sich fremder. Die Umbildung erst der einzelnen, in einer ncncnSpecialität thätigen Personen, dann die Variation von Generation zu Generationinnerhalb einer Gruppe, welche unter dem Einfluß gleicher Faktoren die Abweichungfixiert, muß so klassenbildend wirken.
Die Fortschritte der Technik, der Arbeit, des geistigen Lebens mußten sich zunächststets auf einzelne, dann auf kleinere Kreife beschränken; sie können unmöglich sofort aufganze Stämme und Völker sich übertragen; sie werden teils durch Vererbung, teilsdurch Überlieferung und Unterricht in diesen Kreisen bewahrt, vielfach als Geheimnis undMonopol gehütet: die Münzer ganz Europas bildeten vom 15. bis 19. Jahrhundert einenkleinen eng geschlossenen Kreis von erblich dazu bestimmten Personen. Was bei diesemVorgang auf biologische Vererbung, was ans Erziehung und gesellschaftliche Einrichtungzurückzuführen sei, läßt sich schwer sagen; aber sicher ist, daß beides mitwirkt, daß soalle Priester-, Krieger-, Händlerklassen, die Gruppen der Handwerker, die der liberalenBerufe entstanden seien, daß so unsere Gutsbesitzer und Bauern, uuscrc meisten Arbeiter-typcn einen mit dem Beruf und der Arbeitsteilung zusammenhängenden speciellenkörperlichen und geistigen Stempel an sich tragen.
Man hat die Wahrheit der vorstehenden Sätze teils mit politischen Partei-argumenten angegriffen: sie seien eine Verherrlichung der dsati vossiükntes, des Kasten-wesens; teils hat man sie durch übertreibende angeblich uotwendige Schlußfolgerungenaus ihnen zu widerlegen gesucht, die, an sich falsch, nichts beweisen.
Ich habe nie gesagt: jede Arbeitsteilung wirke klassenbildend, sondern: „nur diegroßen, tief einschneidenden, breitere Teile eines Volkes umfassenden, mit erheblichentechnischen, geistigen, moralischen und organisatorischen Verbesserungen verbundenen Phasender fortschreitenden Arbeitsteilung" hätten diese Folge. Es ist selbstverständlich, daß derPhilologensohn keine Vokabeln, der Schneidersohn keine Kenntnis des Zuschneidens vonseinem Vater erbt. Aber ein so kritischer Forscher wie De Candolle sagt: der Sohn desGenerals hat oft die Neigung zum Befehlen, der des Mathematikers zum Rechnen. AlleLehrbücher der Psychiatrie, sagt Ribot, bilden ein unwiderstehliches Plaidoyer für dieErblichkeit. Ich habe oben schon erwähnt, daß über die Vererbung der von den Elternerworbenen Eigenschaften heute ein noch nicht ausgetragener Streit bestehe, aber auchdaß sie von keiner Seite ganz geleugnet werde. Das zu thun, hieße den Fortschritt derMenschheit vom Wilden zum Kulturmenschen negieren. Auch über die Frage, welcheEigenschaften mehr, welche weniger vererbt werden, ist heute der Streit nicht geschlossen.Aber die besten Forscher nehmen an, daß in erster Linie die Instinkte und die Fähigkeitzu Sinneswahrnehmungen, dann die Gefühle und der Charakter, endlich die Intelligenzvererbt wird, und zwar von dieser die einfachere Form mehr, die kompliziertere weniger;man hat mit Grund behauptet, die höchste Intelligenz werde als eine seltene Kombinationnicht leicht, aber die allgemeinen Richtungen der Intelligenz eines Volkes, einer Klassewerden regelmäßig im Durchschnitt vererbt. Bei solcher Auffassung bleibt der Individuali-tät ihr Recht, aber auch den Erfahrungen der historischen und masscnpsychologischenBeobachtung.
Man hat mir eingeworfen, die Erblichkeit der Berufsarbeit der deutschen Hand-werker und Pfarrer vom 16.—18. Jahrhundert habe degenerierend gewirkt; nach meinerTheorie müßte die Erblichkeit in diesem Berufe Vervollkommnung bedeutet haben. Ichhabe aber die möglichen ungünstigen Folgen der zu einseitigen Ausbildung der Arbeits-teilung stets betont, und ich habe unterschieden zwischen aufstrebenden und sinkenden