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1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
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Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

Klassen. Die Spccialisicrung des Berufs in der aufstrebenden Zeit ist ein Element desFortschritts, während sie später für sich und im Zusammenhang mit anderen Ursachender Degeneration eine Mitursache des Verfalles sein kann. Daß die freie Berufswahlin unserer Zeit ein ungeheurer Fortschritt sei, habe ich ebenso betont. Ich komme. darauf zurück.

Daß durch die eigentümlichen Einflüsse der Variabilität aus allen Klassen einerim ganzen hochstehenden Gesellschaft Talente und große Männer hervorgehen, ist soselbstverständlich, wie daß die Atmosphäre des Mittelstandes oft große Charaktere erzeugt.Ebenso ist mir Wohl bewußt, daß es in allen Klassen aufsteigende Individuen undFamilien und in den oberen entartete giebt, daß ganze Klassen der Aristokratie durchInzucht, falsches und thörichtes Leben, durch übermäßige Genüsse, durch Verzicht aufArbeit und Initiative mit der Zeit zu Grunde gehen. Das beweist aber nicht, daßihre Vorfahren nicht durch das Gegenteil, durch besondere Vorzüge und Leistungenemporstiegen, daß nicht im Durchschnitt aller Zeiten uud Völker die höheren Klassen sichdurch besondere Fähigkeiten auszeichneten, auch die Mittelklassen über den unteren stehen.Nach Galtons Untersuchungen über England stände etwa die Hälfte aller bedeutendenMänner dieses Staates in verwandtschaftlichen Beziehungen zu ebenso bedeutendenaus den höheren Ständen; das beweist doch wohl, daß sie aus der kleinen Gruppeder höher stehenden Kreise hervorgingen, während das ganze übrige Volk die andereHälfte der großen Männer stellte, also prozentual viel weniger an solchen hervorbrachte.Zu ähnlichen Resultaten ist bekanntlich ein Schüler Comtes gekommen.

Der Einwurf, daß die Erziehung sehr mächtig in die sociale Klassenbildung ein-greife beziehungsweise eingreifen könne, trifft mich nicht; ich habe das mit Energiebetont, komme darauf zurück. Ich leugne mir, daß das Beispiel eines einzelnen un-gewöhnlich begabten Tagelöhner- oder Klcinbauernsohnes, der, in andere Umgebung versetzt,auf höheren Schulen erzogen, ein großer Maler, Gelehrter, Staatsmann wurde, gegendie Vererbung von Klasseneigeuschaften spreche. Man müßte die Zahl solcher gelungenenBeispiele vergleichen mit der Zahl der nicht gelungenen, um wissenschaftlich damit zuoperieren.

Ich muß daher bei dem allgemeinen Satze bleiben, daß neben dem Rassentypusdie großen historischen Scheidungen des Berufs und der Arbeit den wesentlichsten Anstoßzur socialen Klassenbildung gaben. Ich glaube auch trotz der gewiß beachtenswertenEinwendungen Büchers gegen mich über den Einfluß der Besitzverteilung, daß die Beruss-scheidung häufig und besonders in früheren Zeiten dem verschiedenen Besitz vorausging,daß die Verschiedenheit des Besitzes auch heute noch vielfach Folge, nicht Ursache der ver-schiedenen klassenmäßigen und individuellen Eigenschaften ist. Daß danebendie Besitzgrößcnuud -arten klassenbildend wirken, daß sie eines der wichtigsten Mittel sind, die Klassen-macht zu stärken, daß sie als Mitursachen in bestimmten Kreisen körperliche, geistige undmoralische Eigenschaften erzeugen und verstärken", gab ich schon 1889 zu. Ich kannheute Bücher einräumen, daß er in manchem einzelnen recht hat, besonders in seinerBetonung des Umstandes, daß die Erziehung nicht überall, aber vielfach vomEinkommen und Besitz der Eltern abhänge. Aber die meisten der historischen BeispieleBüchers halte ich nicht für überzeugend; doch würde es zu weit führen, darauf einzugehen.Teilweise werden sie auch durch die beiden vorausgegangenen Kapitel widerlegt; teilweisewird der Besitzeinfluß, so weit ich ihn für richtig halte, daselbst dargcthan.

Das Wesentliche des Zusammenhangs ist wohl so zu formulieren: jedes einzelneEmporsteigen des einzelnen und einer Klasse hat häufig gleich ein etwas größeres Ein-kommen, unter Umständen auch größeren Besitz zur Folge, und deshalb verbinden sichnun in der weiteren Entwickelung die beiden Einflüsse der Berufsthätigkeit und desEinkommens; die Mittel- und höheren Klassen sind ohne größeres Einkommen nicht,Wohl aber ein Teil derselben ohne großen Besitz zu denken. Jedenfalls aber ist ihreKlassenstellung mit dem Besitz allein nicht erklärt. Es ist nicht unrichtig, die heutigenFabrikanten mit den Kaufleuten des 16.18. Jahrhunderts in Verbindung zu bringen;aber es giebt einen gänzlich falschen Sinn zu sagen, aus den städtischen Rentnern seien sie