Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
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Die landwirtschaftliche Unternehmung. Das Handwerk.

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wirtschaftlichen Betriebe an Familienwirtschaften angelehnt, so gilt im gewerblichen LebenAhnliches, solange es die Stuse des Handwerks nicht überschreitet.

Wir verstehen unter einem Handwerksbetrieb das kleine, mit der Familien-wirtschaft des Inhabers verbundene Geschäft eines durch irgend eine besondere technisch-gewerbliche Geschicklichkcit sich auszeichnenden Meisters, der allein oder mit seinerFamilie oder wenigen Gehülfen für Kunden arbeitet, an sie seine Arbeit oder seineProdukte verkauft. Wir haben oben (S. 349350) die Entstehung des Handwerks ausdem Boden der Arbeitsteilung, die sociale Stellung der Handwerker, die Zeit ihrerHauptblüte kennen gelernt; hier haben wir von dem Handwerk als einer Betriebs-und Unternehmungsform, als dem Ansatz und Keim der späteren vollen gewerblichenUnternehmung zu sprechen; es versteht sich, daß wir dabei wesentlich das Handwerk inder Epoche seiner vollen Ausbildung im Auge haben; es handelt sich hauptsächlich umdas städtische Handwerk, wie es nach Ausbildung der Geldwirtschaft sich entwickelte,später auch aus das Platte Land sich ausdehnte.

Der Handwerker ist ein Mann, der durch bestimmte, eigentümliche, technischeKunstfertigkeit sich von seinen Stammes- und Gemeindegcnossen unterscheidet, von seinerArbeit und Kunst zu leben sucht. Er thut es, indem er hausierend oder am Ort und inder Umgebung seine Dienste anbietet, in der Hanswirtschaft anderer Familien als technischerHilfsarbeiter, als Schneider, Schlächter, Küfer gegen Kost und Bezahlung mithilft, dannaber, indem er mit seinem einfachen Handwerkszeug zu Hause in seiner kleinen Werkstattfür Kunden aus Bestellung arbeitet oder einige Waren auf Vorrat für den örtlichenMarkt und die Nächstliegenden Jahrmärkte herstellt und zu verkaufen sucht. Wo erseßhaft geworden ist, läßt er sich bei seiner Arbeit von Frau und Kindern, ist sie etwasumfangreicher, von Lehrling und Gesellen helfen. Sein Geschäft bleibt meist in engsterVerbindung mit der Familienwirtschaft; Wohnung und Werkstatt sallen nicht immer,aber sehr häufig zusammen; Lehrling und Geselle werden als Familienglieder behandelt.Anderes Kapital als die Werkzeuge und etwas Rohstoffe sind nicht vorhanden; glücklich,wenn der Meister noch Häuschen und Gartenstück besitzt; oft wohnt er zur Miete; dieWerkstatt oder Bude gehört teilweise der Stadt, der Zunft oder einem anderen Herrn.Mag er vielfach nebenher durch Besitz und Eigenwirtschaft eine wirtschaftliche Sicherungder Existenz haben, im ganzen will er von seiner Arbeit, seinem Gewerbe leben; under kann es, wenn er eine genügende Kundenzahl findet; seine Stellung als Geschäfts-mann beruht wesentlich darauf, daß er direkt für die ihm bekannten, oftmals befreundetenKunden arbeitet, direkt ohne kaufmännische Zwischenglieder an die Kunden verkauft. Diepersönlichen direkten Beziehungen des Meisters als Produzenten zu den Konsumentenauf dem Markt der Stadt und in der nächsten Umgebung unterscheidet die Betriebs-form des Handwerks von der Hausindustrie und der Großindustrie. Daß er viel mehrals der Bauer von dem Markte lebt, unterscheidet ihn von diesem. Der Handwerks-meister hat ein Geschäft, der Bauer einen Haushalt.

Freilich das Geschäft ist klein und beschränkt; es kennt keine wesentliche Arbeits-teilung, kein großes Risiko. Der Meister, der sich zu Wohlstand und Hausbesitz aus-arbeitet, dankt es mehr seiner Geschicklichkcit und Zuverlässigkeit, als dem wagenden Mut,der Fähigkeit, den Absatz zu organisieren, wie Kaufmann und Fabrikant. Deshalb willSombart das Handwerk nicht als Unternehmung gelten lassen. Aber immer muß der MeisterWerkzeuge und Rohstoff anschaffen, er muß ein- und verkaufen, Gehülfen und Kundenbehandeln können. Das Handwerk hat nur da geblüht, wo ein gewisser Untcrnehmer-geist sich mit technischem Geschick, mit Klugheit und sittlicher Tüchtigkeit verband; ohneGewinnabsicht kann es nicht existieren, wenn es auch nicht kausmännisch spekuliert.

Mau könnte hinzufügen, es habe da geblüht, wo es richtig eingefügt war in denZusammenhang einer Zunft- und Stadtorganisation, die ihm das gab, was der spätereGroßunternehmer sich selbst verschaffte: gesicherten Absatz. Aus bruderschastlichen Ver-einigungen der das gleiche Handwerk treibenden Genossen und aus Markteinrichtungenwar die Institution der Zünfte hervorgegangen (f. oben S. 404). Das Wohnen oderFeilbieten der Handwerker gleichen Berufes neben einander auf bestimmten Teilen des

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