Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
Seite
428
Einzelbild herunterladen
 

428

Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.

ermöglicht. Die Folgen sind vielfach so ungünstig sür diese Ärmsten der Armen, daßman teilweise die künftige Beseitigung dieser Art der Heimarbeit, einen gesetzlichenZwang zur Verlegung derselben in Werkstatt und Fabrik verlangt hat. Doch dürftensolche Wünsche in absehbarer Zeit keine Hoffnung auf Durchführung haben; mannähme Tausenden von armen Familien ihren letzten Verdienst. Es darf nicht übersehenwerden, daß heute in der ganzen Hausindustrie 1. die schwächlichsten Arbeiter und2. die beschäftigt werden, die ihrer Familienstcllung, ihrem sonstigen Erwerb nach keinevolle Arbcitsstellung, sondern nur einen Nebenerwerb suchen können.

Auf den Versuch, die Abnahme der Hausindustrie, ihr teilweises Wicderanwachscnhistorisch-statistisch darzulegen, müssen wir im ganzen verzichten. Das Material dazuist zu unsicher; die direkten deutschen Erhebungen geben offenbar nur einen Teil derHausindustrie. Daß sie in Osteuropa noch viel umfangreicher ist als in England undbei uns, ist sicher. Ich bemerke nur, daß die selbständigen Hausindustriellen (ohneihre Gehülfen) in Deutschland von 188295 von 329 644 auf 287 389 (15,s9°/o)nach den amtlichen Zahlen abgenommen haben, daß sie 1895 mit Gehülfen undmithelfenden Familienangehörigen noch 4 500 090 Personen ausmachten, währendsür Österreich St. Bauer auf 2,2t Mill. gewerblich thätige Arbeiter 0,9s Mill. groß-industrielle (42°/°), 0,58 Mill. handwerksmäßige (27°/o) und 0,?i Mill. hausindustrielle(31°/o) schätzen will. In der Schweiz sollen 19 °/o der Arbeitenden der Hausindustrieangehören, in Rußland die 67 fache Zahl der Fabrikarbeiter.

Die Hausindustrie unterscheidet sich vom Handwerk dadurch, daß sie nicht mehrKundenabsatz, sondern Massenabsatz bezweckt, daß die kaufmännische Leitung und diegewerbliche Arbeit ganz getrennt ist, daß dem Hausindustriellen, auch wenn er nocheine Werkstatt leitet und eine Ware verkauft, doch der größere Teil der Unternehmer-thätigkeit und damit auch der Unternehmergcwinn entzogen ist. Immer sind in derHausindustrie noch zahlreiche Mittelglieder zwischen der Unternehmer- und Arbeiter-stellung; daneben aber auch viel tieferstehende Arbeiter als in der Großindustrie.

Für den Unternehmer ist die Hausindustrie kapitalsparend; er kann viel leichterals beim Fabrikbetrieb sein Geschäft ausdehnen und einschränken, er wälzt einen Teil desRisikos auf die an sich fchwächeren Arbeiter ab. Dafür hat er mit der Schwierigkeitzu rechnen, Dutzende, Hunderte und Tausende von Arbeitern zu einheitlichem Thun zuverbinden; es fehlt die sichere Einheitlichkeit und Planmäßigkeit des großindustriellenArbeitsprozesses; Maschinenanwendung ist nur in geringem Maße möglich; nurProdukte, wobei diese zu entbehren ist, lassen sich hausindustriell herstellen.

Die Hausindustrie wird nicht ganz verschwinden; sie wird vielleicht durch dieElektricität, durch Centralwerkstätten, durch technische Schulung, auch da und dort durchÜbervölkerung noch zunehmen; sie hat auch nicht überall die socialen Nachteile derÜber- und Kinderarbeit, des Lohndruckes, der Proletarisierung; sie kann unterbestimmten Verhältnissen, zumal wenn eine innere Organisation der Heimarbeiter undder Verleger gelingen sollte, dann bei nicht ganz Besitzlosen, auf dem Lande, im Gebirge,auch in der Stadt für bestimmte Personen eine normale Form der Betriebsorganisationnoch heute sein. Im ganzen aber ist sie mehr eine Form der Vergangenheit, des Über-ganges zur Großindustrie.

142. Die moderne Unternehmung, hauptsächlich der Groß-betrieb. Die Fabrik. Wo in den Staaten des klassischen Altertums aus demHaus- der Bergwerks-, Plantagen-, Fabriksklave wurde, da entstanden große, wesentlichauf Gewinn bedachte Geschäftsbetriebe. Wie Nikias von Athen 1000 Sklaven in denlaurischen Bergwerken hatte, so zählten die sogenannten tamilmö reicher römischerRitter und Freigelassener bis 5, 10 und 20 000 Sklaven; es waren halb fürstlicheHaushaltungen, halb hart disciplinierte Großunternehmungen, welche Handel, Verkehrund Kredit, landwirtschaftliche und gewerbliche Produktion mit großen Kapitalien undvollendeter Technik zu glänzender Entwickelung brachten, bedeutende Gewinne abwarfen<vergl. oben S. 339340, S. 418).