Großbetriebe in Kollektivhänden. Das Beamtentum des Großbetriebes.
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falsch das auch für die Aktiengesellschaften ist. Aber ein Korn Wahrheit, und zwarein erhebliches steckt darin. Das Gedeihen größerer Geschäfte hängt heute wesentlichau diesem Beamtentum. Einer der genialsten, klügsten und ehrenhaftesten deutschenLeiter riesenhafter Aktiengesellschaften und Kartelle sagte mir einst, die ganze Arbeitseines Lebens stecke in den Bemühungen, ein kaufmännisch-technisches Beamtentum zuerziehen, das fähig sei, fremdes Kapital pflichttreu und gewinnbringend zu verwalten.Der gewöhnliche Erwerbstrieb lenkt diese Menschen nicht in erster Linie, auch wenn sieTantiemen erhalten. Andere Motive müssen das Beste thun: das Interesse am Geschäft,Ehrlichkeit, gute, aufsteigende Gehälter, Versorgung im Alter, Verträge aus Jahre oderLebenszeit. Zugleich ist klar, daß der Unterschied der großen Geschäfte, welche eineerhebliche Zahl solcher Angestellten beschäftigen, von Gemeinde- und Staatsbetriebenzwar nicht ganz verschwindet, aber sehr abnimmt. Der Schlendrian, die Neigung, beifestem Gehalt sich nicht mehr zu sehr anzustrengen, auch die großen Mißstände wieUnterschlagungen,,, Untreue aller Art, müssen mit diesem System ebenso zunehmen, wieeine komplizierte Überwachung und Kontrolle. Die Kosten für Kontrolle (z. B. durchein kompliziertes Buchungsfystem, das> jede Unregelmäßigkeit rasch zu Tage bringt)sind außerordentlich groß. Der Leiter einer unserer größten Aktienbanken sagte mir,ohne diese Kontrollen könnte seine Bank sast mit der Hälste des Personals auskommen.Auch darf nicht unterschätzt werden, welche Summe von Intriguen, Reibungen, Kon-flikten, Patronage unfähiger Verwandter in jedes große Geschäft durch die steigendeSchwerfälligkeit des Beamtenapparates kommt, wie viel schwerer es hier ist als imStaate mit seinen Prüfungen und seiner alten Tradition, gerecht, unparteiisch, sachgemäßdie Beförderungen und Stellenbesetzungen vorzunehmen.
Die großen technischen und geschäftlichen Vorteile des Großbetriebes stehen so einererheblichen Summe von Kosten und Schwierigkeiten gegenüber; sie werden in gut geleitetenGeschäften die Vorteile nicht erreichen, sonst rentierten diese nicht, sonst nähme derGroßbetrieb nicht zu. Aber sie sind ein wichtiges Element der Entwickelung, sie könnenan bestimmten Punkten immer den Großbetrieb unmöglich machen.
aä 3. Die Frage der Arbeiterbehandlung im Großbetrieb können wir hier nichterschöpfen wollen. Auf die wichtigsten Einzelheiten des Arbeitsrechts und der socialenReform kommen wir ohnedies im folgenden Buche. Aber die eine große principielleFrage haben wir hier kurz zu erledigen: warum ist die patriarchalische Verfasfung derGroßindustrie zunächst entstanden, warum und wo wird sie verschwinden und durch eineandere ersetzt werden?
Als in der Zeit von 1770—1850 sich der Großbetrieb in Westeuropa verbreitete,sich in der Hauptsache dabei freier, besitzloser Arbeiter bediente und sie in freiem Arbeits-vertrag den Geschäften angliederte, da konnte zunächst ein anderes Verhältnis als daspatriarchalische nicht leicht entstehen. Das heißt, die meisten Geschäfte entstanden inAnlehnung an die Familienwirtfchaft des Unternehmers; dieser kannte kein anderesHerrschaftsverhaltnis gegenüber helfenden und dienenden Kräften als dasjenige, wie esder Hausvater gegen Gesinde, Lehrlinge, Gesellen und Knechte hatte. Die Arbeiterhatten kein Selbstbewußtsein, in demütiger Unterordnung standen sie den Unternehmerngegenüber. Auch die Gesetzgebung und Verwaltung kannte kein anderes Verhältnis.Für die meisten Arbeiter jener Tage war eine gewisse Bevormundung und Leitungdurch die Unternehmer angezeigt; und so lange die Geschäfte klein, die Arbeiter ausder Gegend, als Nachbarn und Gemeindegenossen dem Unternehmer bekannt waren,entsprach eine patriarchalische Behandlung den Verhältnissen. Das wurde aber anders,als die Geschäfte größer, Arbeiter von außen herangezogen wurden, als die Beschäftigungvon älteren, verheirateten Arbeitern zunahm, als die Wohnungen der Arbeiter sichräumlich meist weiter von den Arbeitsstätten entfernten, die menschlichen und Nachbar-beziehungen zwischen dem Arbeitgeber und seiner Familie einerseits, den Arbeitern undderen Familien andererseits seltener und loser wurden. Der bewegliche Arbeitsmarkt,die Freizügigkeit, bald auch die Lohnkämpfe, die Sitte, rücksichtslos überflüssige Arbeits-kräfte zu entlassen, erzeugten in steigendem Maße die Auflösung der alten menschlichen