456
Zweites Buch, Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft,
aller Art, oft mit ungerechter Verteilung an die Bürger befriedigen konnten. Sie gabendeshalb von 1750—187V den privaten Unternehmungen wieder freiere Bahn; dieheutige Güterversorgung, die heutige Technik, der heutige Verkehr konnten damit entstehen.Erst ncuestens, als die Schattenfeiten und Mißbräuche der Unternehmungen stark hervor-traten, haben Staat und Gemeinden sie teils unter Kontrolle gestellt, teils ihnen gewisseFunktionen wieder abgenommen. Die Unternehmungswelt erwuchs von 1750 bis zurGegenwart zu solcher Größe und Leistungsfähigkeit, weil sie einen steigenden Personen-kreis, wachsende Kapitalien zu einheitlichem wirtschaftlichem Effekt zusammenfaßte unddoch frei auf dem Markt sich bewegte, durch die Gewinnchancen zu höchster Anstrengungveranlaßt wurde. Sie verlangt auf dem Markte Ersatz ihres Aufwandes und Gewinn,sie richtet sich nach den erzielten Preisen. Ersetzen die Preise den Aufwand, die Kostennicht, so stellt sie die Produktion ein oder schränkt sie ein, weil sie den Verlust nichtertragen will; ersetzen die Preise die Kosten reichlich, so steigt der Gewinn, und diesesSteigen des Gewinnes verlockt die Produktion zur Ausdehnung. So entstand mit derUnternehmung jenes freie Spiel von Verträgen, von Zu- und Abnahme des Angebotsund der Nachfrage. Der Handel kommt hinzu, die Vorräte an den rechten Ort, zurechter Zeit zu bringen, die Vorratshaltung zu übernehmen; auch das geschah mehrund mehr am leichtesten, wenn die Unternehmung es übernahm. Ein Mechanismusder freien gesellschaftlichen Marktversorgung entstand, der durch das stete Steigen undFallen der Preise, durch die Gewinnprämie für richtige, billige, gute Produktion, die Ver-luststrafe für falsche, zu teure schlechte Produktion den größeren Teil der Warenerzeugungund den Handel in den rechten Bahnen erhielt. Natürlich nur in dem Maße, wiedas nach der Größe und Isoliertheit des Marktes, nach der Fähigkeit der Menschen,nach den Zufällen der Natur und des Schicksals möglich war. In kleinen Staatenund Gebieten war es leichter als in großen Nationalstaaten und gar in der heutigenWeltwirtschaft. Mit der Kompliziertheit der Technik, den Entfernungen des Verkehrs,der wachsenden Größe der Betriebe wurde die Produktion für den Markt und die Vor-ratshaltung in der Hand der Unternehmer auf der einen Seite freilich erleichtert, auf deranderen aber wurde die Beurteilung des Bedarfs erschwert, weil man für die ganze Weltund die ferne Zukunft spekulativ ihn fassen sollte. Daher neben der besseren Versorgungim ganzen doch die wachsenden Klagen über Krisen und Arbeitslosigkeit, über Hausseund Baisse. Die harte Korrektur der falschen Spekulation und Produktion durchBankerotte mußte als starker Mißstand empfunden werden. Unlautere Gewinnabsichtenkonnten in das immer kompliziertere Spiel des Marktes leichter eingreifen. SchamloseGewinnsucht, rücksichtslose harte Konkurrenz, brutale Niederwerfung der Schwachen konntesündigen, wie kaum je früher.
Der Socialismus erklärte deshalb: die Unternehmung taugt nicht; sie will nurWuchergewinn machen; sie ist herzlos und gleichgültig; sie versagt, wenn der Gewinnauf 1—2°/» sinkt, sie wird erst bei 10°/o kühn, bei 50°/o waghalsig, bei 100°/» stampftsie alle menschlichen Gesetze unter die Füße, bei 300 °/o erlaubt sie sich jedes Verbrechen.Gewiß liegen nach dieser Seite die dunkeln Schatten der Unternehmerthätigkeit. Aberes ist nicht falsch, daß sie bei 1 ",'o erlahmt, bei 8—10 energisch wird; zu mehr kommtsie nur selten. Es ist eine Verkennung aller menschlichen Natur zu verlangen, daß derMensch nicht nach Gewinn strebe, nur muß die Moral- und die Rechtsregel diesesStreben im Zaume halten. Durch Riesengewinne lassen sich nicht bloß Unternehmer,sondern die meisten Menschen bestechen.
Über einen Teil der UnVollkommenheit der bisherigen Unternehmungen können dieKartelle mit ihrer nationalen und internationalen Ausdehnung uns weghelfen. IhreSchattenseiten und Monopolmißbräuche verschwinden, wenn sie in die rechte Verfassunggebracht werden. Ob es omnipotente, staatliche, kommunistische Organisationenbesser vermöchten, zumal in wechselnd demokratischen Händen, das ist eben die Frage, welchedie Socialisten bejahen, alle Kenner der Geschichte und der Menschen verneinen. Nochviel unwahrscheinlicher ist, daß es gelingen sollte, eine socialistische Centralleitungder Weltwirtschaft zu schaffen, was doch bei der heutigen geographischen Arbeits-