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Die Arbeits- und Wirtschaftsverhältnisse der Einzelsticker in der Nordostschweiz und Vorarlberg / von Alfred Swaine
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II. KAPITEL.

vom Ende der 80 er Jahre erzählen uns von einem dadurchhervorgerufenen neuen Lehen in der Landwirtschaft unddem Handwerk.

Eine der interessantesten Fragen, die sich uns bei derBetrachtung der so plötzlich erfolgenden Entwicklung auf-drängt, ist wohl die: Woher kamen die Arbeiter?

Die Industrie bedurfte Männer wie Frauen, denn zuder Bedienung der Maschine sind, wie wir wissen, zweiPersonen, der Sticker und die Fädlerin, nötig. Da traf essich in den 60er Jahren günstig, dass beide Klassen ausanderen zurückgehenden Zweigen der Textilbranche herüber-genommen werden konnten, Personen also, die infolge ihresfrüheren Berufes in gewissem Grade Geschicklichkeit undVerständnis zur Erlernung des jetzigen mitbrachten. DieMänner rekrutierten sich aus den Handwebern, von deneninfolge Einführung des mechanischen Betriebs in der Webereiein grosser Teil brotlos geworden war, die Frauen abergingen aus den Handstickerinnen hervor, denen, wie wirgesehen haben, das Jahr 1857 ihren Erwerb so gut wiegenommen hatte. Bald aber reichte dieser Stamm vonKräften für den grossen Bedarf der Maschinenstickerei nichtmehr aus, und es begann, gefördert durch die hohen Löhne, einHerbeiströmen von Arbeitern aus allen Ständen, an das nochjetzt mancher Unternehmer in den andern ostschweizerischenIndustrien mit Schrecken denkt. Vor allem waren es dieArbeiter der mechanischen Spinnereien und Webereien, dieihre frühere Beschäftigung verliessen, aber auch Hand-werker, Taglöhner, männliche und weibliche Dienstbotenund nicht weniger die Bauern wechselten ihren Beruf, umdas moderne,noblere und vor allem mehr Gewinn brin-gende Gewerbe eines Stickers oder einer Fädlerin zu be-treiben. Es war wirklich eine Umwälzung in allen Ver-hältnissen: während die Stickerei alle Kräfte des Inlandesaufzusaugen begann, wussten die anderen Gewerbe, denender grosse Magnet ihre besten Arbeiter entzog, nicht, wohersie ihrerseits Ersatz nehmen sollten. Spinnereien undWebereien mussten höhere Löhne zahlen, um nicht nochden Rest ihrer guten Arbeiter zu verlieren, und trotzdem