Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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Heutige Jahrmärkte und Messen. Die Börsen.

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und sonstigen Handel der Banken und die Thätigkeit der Clearinghäuser, endlich ausdie großen Börsen und ihre täglichen Geschäfte über. Von dem Warengeschäft habeneinzelne Messen den Teil behalten, bei dem die Warenprüfung absolute Bedingung desVer- und Einkaufs ist, wie z. B. in Leipzig der Leder- und Rauchwarenhandel derMessen fortdauert. Im übrigen haben einzelne Messen den Charakter eines periodischgebildeten Musterlagers angenommen, wie das in Leipzig für Porzellan-und Glas-waren, Spielzeug, Weberwaren geschehen ist. Derartige periodische oder dauerndeMusterlager sind aber etwas von der Messe im ganzen Unabhängiges. Man hat solchehauptsächlich, um die Ausfuhr zu befördern, da und dort ins Leben gerufen, so z. B.in Stuttgart, Berlin, Dresden, Wien, Pest, Amsterdam, London, Belgrad ; auchschwimmende solche Ausstellungen hat man organisiert. Sie wollen im Kleinen, wasdie großen Welt- und nationalen Ausstellungen im Großen seit 50 Jahrenbezwecken. Das sind aus einige Monate hergestellte Weltjahrmärkte, wo die aus-stellenden Unternehmer ihre Produkte der ganzen zusammenströmenden Welt in typischenExemplaren und Mustern vorführen und so Kunden erwerben wollen. In den Muster-lagern wie in den Welt-, National- und Provinzialausstellungen wiederholt sich dasalte Princip des Wochen- und Jahrmarkts: die Konkurrenten werden direkt mit ihrenWaren nebeneinander gestellt, um die Vergleichung und den Sieg der besten zu er-leichtern.

ä) Die Börsen. In den größeren Handelsstädten bildete sich seit dem Mittel-alter die Sitte, daß die Kaufleute, teilweise auch deren Hülssgewerbe, die Mäkler ,Schiffer und ähnliche Berufe sich täglich auf dem Markte, in bestimmten Wirts- undKaffeehäusern oder besonders hiezu erbauten Hallen versammelten, um kurzer HandGeschäfte abzumachen, die Geschäftslage zu besprechen, Neues zu hören, die Geschäfts-stimmung zu beeinflussen. Erst war es der Handel mit Kapital, mit Aktien und Staats-papieren, der in Antwerpen, Lyon und Amsterdam zum Mittelpunkt eines solchen Verkehrswurde; später kam der Lieferungshandel mit Kaffee, Getreide und anderen fungiblend. h. vertretbaren Waren hinzu. Hauptsächlich unter der Einwirkung von Eisenbahn , Dampf-schiffahrt und Telegraph hat von 185070 an der Lieferungshandel sich zum Termin-handel ausgebildet; d, h. zu einem Zeitgeschäft, das stets auf bestimmte Termine, gleichgroße und gleichartige fungible Waren- und Effektenposten geht. Dieser gestattet, dieVerpflichtung zur Lieferung oder Abnahme auf Grund bestimmter Scheine leicht auf10, 20, 50 weitere Personen zu übertragen. So haben sich die heutigen Börsen ent-wickelt als regelmäßige, meist täglich stattfindende, in bestimmter Art organisierteZusammenkünste der Geschäftsleute eines Ortes, welche an den hiezu sich eignendenZweigen des Großhandels beteiligt sind; im einzelnen sehr verschiedenartig gestaltet, habensie.im Lause unseres Jahrhunderts eine immer größere Bedeutung bekommen, weil derunendlich gesteigerte Verkehr am leichtesten und raschesten sich bewältigen ließ, wenndie Beteiligten sich täglich sahen, wenn an Stelle der Übergabe der konkreten Wareein Lade-, ein Lager-, ein Schluß- oder Lieserungsschein von Hand zu Hand ging,wenn für den Geschäftsabschluß Formen von der Gesamtheit der Börsenbesucher gefundenund autoritativ festgesetzt wurden, die gestatteten, mit einem Wort, mit dem Aussprecheneiner Preiszahl die größten Abschlüsse perfekt werden zu lassen.

Die Börsen sind teilweise noch in älterer Weise solche für alle Arten von Geschäfts-leuten, wie z. B. in Hamburg, Bremen, Stettin, Danzig täglich sich alles, vomMillionär bis zum Lehrling, vom Effekten- bis zum Kaffeehändler, vom Bankier biszum kleinen Reeder versammelt; teilweise und mehr und mehr sind sie ganz specialisiert,wie meist in England , wo der Effekten-, der Getreide-, der Kohlen- und jede Artwichtigen Handels seine besondere Börse hat. Sie sind teils freie Sammelplätze, indie jeder eintreten kann, wie in Hamburg , teils aristokratisch geschlossene Klubs undGesellschaften, in die man nur durch Empfehlung, Aufnahme, Eintrittsgeld, Besitz einerAktie kommt, wie in England und den Vereinigten Staaten , teils ein Mitteldingzwischen diesen beiden Formen wie in Deutschland . Sie sind teilweise mehr durchprivate und genossenschaftliche Abmachung, teilweise mehr durch Staat und Gemeinde,