Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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Z(> Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung, ^488

kaufmännische Korporationen und Handelskammern ins Leben gerufen und in ihrerVerfassung geordnet worden. Mehr und mehr siegt allerwärts das Princip kaufmännisch-berufsmäßiger Selbstverwaltung unter Staatsaufsicht und im Rahmen einer normierendenStaatsgesetzgebung.

Das volkswirtschaftlich Wichtigste ist, daß durch die Börsen einmal für den großenKapital- und Wertpapicrverkehr, dann für den in den wichtigsten fungiblcn Waren desWeltmarktes, Getreide, Kaffee, Baumwolle große centralisierte, täglich funktionierendeMärkte sich gebildet haben, auf denen Angebot und Nachfrage der einzelnen Gebieteund Länder sich mit denen des ganzen Weltmarkts in Berührung und Ausgleich setzen.Indem hier neben das tägliche Bargeschäft das für Wochen und Monate laufendeTermingeschäft tritt, werden die Umsätze gesteigert, wird sofortiger Ein- und Verkaufder größten Posten möglich, wird der Scharfsinn für Beobachtung der Ursachen künftigerPreise gesteigert. Vorräte und Preise gleichen sich mehr aus, der Bedarf der einzelnenGegenden und Länder wird besser gedeckt; die seltneren und größeren Preiswechsel ver-wandeln sich in kleinere, täglich stattfindende. Wir kommen unten aus das Wesen unddie Schattenseiten der Spekulation und des Terminhandels zurück. Sie sind sicherlichsehr groß und müssen bekänipft werden, nur nicht durch plumpe Verbote des Termin-handels, welche auch das legitime Geschäft vernichten.

Die Bekämpfung der Börsenmißbräuche wird durch die Verfassung der Börse selbstan die Hand gegeben: sie ist ein genossenschaftlich oder obrigkeitlich geordneter Markt,mit mehr oder weniger Öffentlichkeit, mit sestcn Sitten und Gepflogenheiten; sie giebtsich oder erhält Statuten, stellt Geschäftsformen im Gesamtinteresse fest, deren jederTeilnehmer sich bedienen muß. So findet mehr oder weniger eine Ordnung des Geschästs-lebens, eine Konkurrenzregulierung statt, die freilich unvollkommen, durch die egoistischeMacht einzelner beherrscht, aber auch durch vernünftige Gerechtigkeit und die Gesamt-interessen beeinflußt sein kann. Durch das Aufnahmerecht, oft auch durch die Zahl derStände, die Art ihrer Erwerbung wird bestimmt, wer an der Börse teilnehmen kann.Die eine Börse läßt demokratisch, ohne Prüfung jeden, auch den Laien zu; die anderenimmt nur gut empfohlene Geschäftsleute aus Grund eines prüfenden Aufnahme-verfahrens auf; die eine Börse hat 50500, die andere 10005000 tägliche Besucher,ohne daß die letztere entsprechend größere Geschäfte machte. Durch ihre Disciplin, ihreEhrengerichte bestimmt die Börse das Maß von Anstand, Ehrlichkeit, loyaler und illoyalerKonkurrenz, das an ihr, oft auch das überhaupt an dem Platze herrscht. Durch die Art,wie sie die Kursnotierung regelt, d. h, Durchschnitts- oder Einheitspreise feststellt undveröffentlicht, trägt sie zu richtiger oder falscher Preisbildung bei; durch die Art, wiesie die Vertreter der Presse behandelt und kontrolliert, hat sie einen Einfluß darauf, obbestochene oder ehrliche Berichte in der kaufmännischen Presse überwiegen. Die Org«neder Börse bestimmen die Waren und Effekten, die an der Börse gehandelt und dieGeschästssormen, in denen gehandelt wird; indem sie zum Handel und zur Kursnotierungnur Effekten zulassen, die ein Börsenkommissariat geprüft hat, üben sie eine gewisseAuswahl und Censur, hindern sie die gröbsten Täuschungen und Betrügereien. DieBörse oder das Gesetz bestimmen, in welchen Waren und Effekten überhaupt Termin-handel, d. h. ein großer Spekulationshandel standfinde.

Die Börse ist heute der Markt aller Märkte, der Mittelpunkt alles großenGeschäftslebens geworden. Die Börsenmeinung an ihr ist die Destillation der Geschästs-kenntnisse aller leitenden wirtschaftenden Persönlichkeiten. Indem sie den Kapitalmarktbeherrscht, verfügt sie darüber, ob und zu welchem Preis Kapital sürs Ausland, fürdie Regierungen, für bestimmte Geschäftszweige, für Neugründungen aller Art vorhandensei; ihre Kurse sind der Barometer fürs ganze nationale und internationale Geschäfts-leben. Sie ist gewissermaßen das Gehirn der Volkswirtschaft geworden. Die Börsezertrümmern, weil sie Auswüchse und Schäden hat, weil ihre Centralisation der Geschäfteeinzelne riesenhaft bereichert, heißt doch das Instrument lahm legen, das die Volks-wirtschaft leitet.

Wo und soweit einzelne Geschäftszweige ihrer nicht bedürfen, machen sie schon