Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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286 Trittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. s?44

die hausindustriellen Reglements zu beseitigen. Als letztere aber von 17501850 mehrund mehr außer Übung kamen, als die Gewcrbefreiheit allerwärts die Warenzahlungstraflos machte, entstanden im Bergwesen, in der Hausindustrie, in dem Baugewerbe,in der größeren Industrie die gleichen Mißbräuche mit erneuter Kraft von 1800 anbis zu den neueren Verboten. Und sie sind heute noch in den Ländern mit unaus-gebildcter Arbeiterschutzgesetzgebung an der Tagesordnung. Auch wo man die Waren-zahlung (Truck) und die analogen Praktiken (Kreditierung, teure Lieferung von Roh-und Hülfsstoffen, von Werkzeugen) zu hindern suchte, gelang es meist nicht sofort,Wandel zu schaffen.

Das erste englische Truckverbot stammt von 1831, es ist jetzt durch die GesetzeVon 1887 und 1896 ergänzt; das preußische von 1849 wirkte nicht genügend, ebensowenig das deutsche von 1869; erst die eingehenderen Gesetze von 1878 und 1891 be-seitigten die schlimmeren Mißstände. Das Schwierige der Ausführung liegt darin, daßman den Arbeitgebern (sei es allen oder nur den gewerblichen) zwar verbietet, den Lohnin Waren zu zahlen statt in Bar, den Arbeitern Waren zu kreditieren, daß manihnen aber aus praktischen Gründen gestatten muß, den Arbeitern Wohnung, Feuerung,Landnutzung, regelmäßige Beköstigung, Arzneien und ärztliche Hülse, auch Werkzeugeund Stoffe zu angemessenem Preis zu liefern. Die Grenzlinie zwischen dem Verbotenenund Erlaubten ist schwer ganz richtig durch den gesetzlichen Wortlaut zu treffen, oftnoch schwieriger praktisch auszuführen. Die großen und brutalen BeWucherungen derArbeiter in dieser Form sind aber heute doch in England und bei uns verschwunden.

Das Verbot, den Lohn in Gast- und Schankwirtschaften zu zahlen, hat einenähnlichen Zweck; es soll den Arbeiter verhindern, ihn gleich zu vertrinken, dem Arbeit-geber unmöglich machen, durch einen Strohmann Schenken zu besitzen und in ihnenden Arbeiter zu falschen Ausgaben zu verlocken.

208. Die wichtigeren Einzelbestimmungen des Arbeitsvertragesaußer der Lohnhöhe: Die Bemessungs Methoden des Geldlohnes,e) Akkord- und Zeitlohn. Je weniger in srüheren Zeiten die menschliche Arbeits-kraft differenziert war, je mehr im Haushalt und in kleinen Betrieben jeder angestellteArbeiter verschiedenerlei Thätigkeiten in buntem Wechsel übernehmen mußte, destonatürlicher erschien es, alle Lohnarbeit nach der Zeit zu bezahlen. So weit eineArbeits- und Bcrufsteilung schon Platz gegriffen hatte, bezahlte man die verschiedenenKlassen der Arbeiter in abgestuften Zeitlöhnen, welche der Bedeutung ihrer Thätigkeitund dem Grade ihrer technischen Ausbildung entsprachen. Diese Zeitlöhne waren undsind teils Jahres-, teils Monats-, teils Wochen-, teils Tag- oder Stundenlöhne. Mitdem Fortschritt der gesellschaftlichen Differenzierung nahmen die Klassen der verschiedenbezahlten Zeitlöhner in den verschiedenen Berufen und Betrieben zu; innerhalb jederKlasse erhielt und erhält aber jeder denselben Lohnsatz, ob er nun etwas mehr oderweniger leistet, schwierigere oder leichtere Arbeit verrichtet. Der Arbeiter hat so keinbesonderes im Lohn begründetes Interesse, sich anzustrengen. Man rechnet auf seinedurchschnittlichen Eigenschaften, auf die in patriarchalischen Verhältnissen vorhandenenMotive der Treue, des anerzogenen Pflichtgefühls.

Auch heute noch ist die Bezahlung nach der Zeit nicht bloß in der höherenThätigkeit der öffentlichen und Privatbeamten, bei denen ein lebendigeres Pflicht-bewußtsein meist vorhanden ist, sondern auch in den eigentlichen Arbeiterkreisen weitverbreitet. Der Zeitlohn ist das Hergebrachte, die Arbeiter des älteren gemächlichenTypus sind an ihn gewöhnt, ziehen ihn vor. Der Zeitlohn ist am leichtesten zu hand-haben; die Berechnung führt am wenigsten zu Streit und Zweifel. Er herrscht heutenoch in der Landwirtschaft mehr vor als in der Industrie, er ist im Osten Europas verbreiteter als im Westen. Man fürchtet in den noch ganz am Herkommen klebendenKreisen bei einer Bezahlung nach der Leistung die größere Anstrengung; vielfach ziehenden Zeitlohn aber auch die tüchtigen industriellen Arbeiter vor, welche die Mißbräucheund Kehrseiten des Stücklohnes kennen. Wir kommen gleich darauf zurück.