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wurden durch eine Reihe glücklicher Verfassungseinrichtungen immer wieder eingeschränkt.Unter ihnen steht die 443 geschaffene Censur voran: zwei fünfjährige Censoren schätztenalle Bürger nach ihrem Vermögen, ordneten die Tribus- und die Vermögensklassen unddamit das Stimm- und Standesrecht, konnten ohne Widerspruch jeden aus Senat oderRitterliste wegen sittlicher Mängel streichen; sie bildeten den Wall gegen Parteileiden-schaft, den Regulator der Verfassung.
An ihnen scheiterten die wiederholten Versuche der Claudischen Familie und ähn-licher Parteiführer, den Handel- und Gewerbetreibenden, den Städten, gleichberechtigtesStimmrecht zu geben. Die Politik blieb bis tief in das dritte Jahrhundert nach innenund außen eine Bauernpolitik. Immer wieder schuf man Raum für den Nachwuchsdurch Koloniegründungen; solche von 300, aber auch von 6000, ja 20 000 kleinenBauernstellen kommen vor. Die Assignationen in den Kolonien dauerten bis 177v. Chr. fort; die Eroberung des Pothales im 3. Jahrhundert v. Chr. geschah zu Gunstender Bauern. Den formalen Höhepunkt der rustikalen Tendenzen bildet die Gesetzgebungvon Licinius Stolo (367 v. Chr.), welche die vom keltischen Einfall niedergedrücktenBauern heben sollte, über deren Ausführung wir freilich nichts Genaues wissen. Soweitder Bauer verschuldet ist, dars er die Zinsen vom Kapital abziehen, den Rest in dreiJahren tilgen; niemand darf vom eroberten Staatsland mehr als 500 Morgen okku-pieren, auf die Weide des Staatslandes darf kein Bürger mehr als 100 Stück Groß-und 500 Stück Kleinvieh treiben; keiner darf in seinem Betriebe mehr als einebeschränkte Sklavenzahl halten, um die Nachfrage nach freier Arbeit nicht sinken zulassen. Sogar Unmögliches setzten die Bauern oft gesetzlich durch, so 342 das Gesetz desGenucius, das alle Zinsen verbot. Auch als längst neue Tendenzen herrschten, habendie besseren Staatsmänner an den bäuerlichen Assignationen und der Koloniegründungzu Gunsten der Kleinbauern sestgehalten.
Zwei große Thatsachen legten Bresche in diesen wunderbaren, von Aristokratenregierten, erobernden Bauernstaat, die enge zusammenhängen: 1. der Gegensatz zwischensreier und unfreier Arbeit, zwischen der Sklavenwirtschaft der Reicheren (Patrizier undPlebejer) und der kleinen freien Bauernwirtschaft und 2. der Streit, ob die Eroberungenüber Italien auszudehnen seien, und ob damit die Handel- und Gewerbetreibenden Machtund Einfluß in dem agrarischen Gemeinwesen erhalten sollten.
Als Italien bis auf die große Handelsstadt Tarent unterworfen war, zum großenTeil in der Form gehorchender Bundesgcnossengemeinden oder -staaten, mußte dieFrage entstehen, ob der römische Staat dabei stehen bleiben könne. Die Bauernpartei,die alten aristokratischen Staatsmänner wollten es; die vom Geschlecht der Claudiergeführten Handelsinteressen drängten weiter auf die Bahn einer erobernden Macht, dieHandel und Reichtum fördern, Untertanenlande gewinnen wollte. Der Konflikt mitTarent und seinem Bundesgenossen Pyrrhus 282, die von einigen Siziliancrn begehrteHülfe 262 drängte auf diefe zögernd betretene Bahn. Der erste (263—241) und derzweite Krieg (218—202) mit der Welthandelsmacht Karthago war die Folge. Sizilienund Sardinien wurden schon 241 unterthänige, auszubeutende Provinzen; die Einmischungin die griechischen und asiatischen Welthändel war die weitere notwendige Konsequenz.Eine ungeheure Veränderung für den Staat, sür die Parteien und Klassen, für dieVolkswirtschaft vollzog sich so 282—134; aus einem italisch-agrarischen Mittclstaat warin 150 Jahren das beherrschende Weltreich, die erste Handelsmacht der Erde erwachsen.Der bessere Teil der alten Aristokratie, an ihrer Spitze das große Haus der Scipionen,hatte versucht, den ungeheuren Umschwung durch eine Politik der Mäßigung ingesunde Bahnen zu lenken: nicht Eroberung unterthäniger Provinzen, sondern Bildungeines von Rom abhängigen Staatensystems, Erhaltung des Mittelstandes und derBauern, der alten Beamtenehrlichkeit, Beschränkung der Habsucht des neuen Kausmanns-und Kapitalistenstandes war ihre Losung. Sie erreichten ihr Ziel nicht, weil sie es mitden Mitteln der alten Verfassung, den Jahresämtern, der Senatsherrschaft, den Volks-wahlen der Stadt Rom erreichen wollten, während sie, was allein helsen konnte, einedauernde Monarchie verabscheuten. Livius erzählt, man habe schon Scipio Asricanus