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Die heutigen Klassen der Unternehmer und der Arbeiter.
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tums einen sehr verschiedenen Bruchteil des Ganzen aus. Die häßlichen Züge sind daund dort mehr eine vorübergehende Erscheinung gewisser Hausseperioden gewesen. Ganzfehlen sie nirgends. Und die unter dem Drucke des Unternehmerregiments Stehendenund Leidenden, die Arbeiter, sehen diese Züge natürlich vergrößert, durch einzelneSkandale und die übertreibende Fama aufgebauscht. Wo die Unternehmer in unbezahltenEhrenämtern der Selbstverwaltung thätig sind, haben sie einen edleren humanenCharakter; ebenso wo Kirche und Religion sie noch beherrscht. Um so schlimmer stehtes, wo sie nur gesellschaftlich glänzen, den Adel und Orden erwerben, durch Equipagenund Pferde, durch gesellschaftlichen Luxus die Augen auf sich ziehen wollen. In denParlamenten haben nur wenige eine große Rolle gespielt; um so mehr suchten siedurch ihre Beamtenschaft und ihren Anhang hier Einfluß. Die Zahl der Direktorenund Verwaltungsräte von Aktiengesellschaften, Eisenbahnen, Versicherungsgesellschaften,die sie in das englische, französische, österreichische, nicht ebenso zahlreich in die deutschenParlamente brachten, ist groß. Ein erheblicher Teil des verlotterten Feudaladels tratdurch Geldheiraten, Verwaltungsratsstellen und Ähnliches in ihren Dienst. Fähige undunfähige Söhne und Schwiegersöhne suchten sie, soweit es ging, in das hohe Beamten-tum, in die Ministerien einzuschicken. Die erheblichste Steigerung ihrer Klassenmachthaben die Unternehmer durch ihre Verbände, deren hochbezahlte Generalsekretäre, durchdie Kartelle und Trusts, durch die Gründung und Beherrschung zahlreicher Zeitungen,durch große Subventionen, die sie (vor allem in den Vereinigten Staaten ) den poli-tischen Parteien zahlen, sowie durch die persönliche Verbindung der führenden Männermit Fürsten , Ministern und Parteiführern erreicht.
Eine ganz einheitliche Klaffe, vollends eine mit straffer Disciplin bilden sie abernicht. Ihre Mitglieder gehören heute den verschiedensten politischen Parteien, inDeutschland den Konservativen, der Reichspartei, dem Zentrum, den Liberalen, demFortschritt an. Socialpolitisch gehen sie weit auseinander: die extremsten Scharfmacherwie die humansten praktischen Socialreformer sind unter ihnen. In Deutschland habensie vielfach sich mit dem Feudaladel verbunden, dessen Sitten und Gedanken an-genommen.
Die Arbeiter Welt der neuen Großindustrie ist so wenig wie die Unter-nehmerwelt ein einheitliches Ganze mit gleichen Eigenschaften, aber sie schloß sich doch wohlnoch mehr als jene zu einer im ganzen einheitlichen Klasse zusammen. Teilweise schon inder zweiten und dritten Generation Fabrikarbeiter, teilweise vom Lande kommend, Tage-löhner- und Kleinbauernkinder, teilweise frühere Gesellen, Kleinmeister-, Handwerker-kinder, frühere Hausindustrielle, sind die meisten anfänglich nur, wenn es ihnen rechtschlecht ging, in die Fabrik eingetreten. Die Mehrzahl verlor damit den Zusammen-hang mit Heimat, Verwandten, Geistlichem; in schlechten, früher in entsetzlichen Woh-nungen der Fabrikdistrikte untergebracht, Frauen und Kinder frühe und überlange indie Fabrik schickend, verloren sie die Gewohnheiten eines sittigenden Familienlebens, jaes löste sich für viele Familienwirtschaft und Familienleben fast ganz auf. Die an-strengende, 12—15 stündige Arbeit der Zeit von 1770—1850 in den großen Werkstättenund Fabrikräumen, die noch aller hygienischen Einrichtungen entbehrten, dem Lärm, demStaub, der Hitze ausgesetzt, an eine oft ungesunde Teilarbeit gebunden, entarteten vielekörperlich und geistig. Vollends wo jede Volksschule, jeder Einfluß edler Geistlicherfehlte, wo die Armenverwaltung, wie in England bis 1834, ein Institut wurde, dasLohnzuschüsse an Stelle der Fabrikanten zahlte, wo die Wucht der Krisen alle paarJahre 5—30°/o der Arbeiter für Monate brotlos machte, da entstand mit der Massen-anhäufung in den Fabrikdistrikten, mit der Massenarbeit in den Fabriken, mit demMassenelend, das sich so schroff von den glänzenden Villen der Unternehmer, von ihremReichtum und Luxus abhob, zuerst eine Massenstumpfheit und -roheit, dann ein Massen-groll, ein Massenneid als Bindeglied, als Psychisch einheitlicher Zug dieser täglichsich berührenden, von der politischen, geistigen und Bildungswelt der höherenKlassen ganz geschiedenen Arbeiter. Es fehlte in den ersten Generationen dieser neuerenEntwickelung zwar keineswegs an zahlreichen Versuchen human-patriarchalischer Ein-