534 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. s^992
Wirkung auf die Arbeiter, aber sie traten in den eigentlichen Fabrikgegenden mit ihrenWohnverhältnissen unter der Wucht der Konkurrenz doch zurück. Gar zu leicht entstandin den großen Fabriken die Thatsache , daß Lohnzahlung und barsche Befehle diewesentlichen Begegnungspunkte der Herrschenden und Gehorchenden waren; das Ver-hältnis, wie es jeder gute Offizier zu seiner Mannschaft hat, daß man immer wiederFreud und Leid, Arbeit und Gesahr teilt, trat nur allzu sehr zurück. Und der liberaleStaat kümmerte sich auch nicht um diese Beziehungen, ja er hob nach einander diealten schützenden Gesetze (in England die Elisabethischen, aus dem Kontinent die altenZunftgesetze, das alte Bergrecht, die alten hausindustriellcn Reglements), auf den Wunfchder Unternehmer, trotz allen Protestes der Arbeiter auf.
So bildete sich teilweise schon im 18-, mehr in den ersten zwei Dritteln des19. Jahrhunderts ein Arbeitertypus schlimmer Art: die schwächlichen Elemente gingenzu Grunde, die kräftigen hielten sich, aber wurden roh, gewaltthätig, von Haß erfüllt;die klugen wandten sich den extremsten socialen und politischen Ideen zu. Dem Staatund den höheren Klassen standen sie ohne jedes Verständnis gegenüber. Die letzterenverachteten sie als Faulenzer, Heuchler, Leuteschinder. Die Massenorganisation derFabrik erschien ihnen als Vorbild einer socialistischen Massenorganisation der Volks-wirtschaft. So entstand psychologisch das moderne Proletariat von 1750—1870. Inder ersten Generation zu Aufstand und Gewaltthat nur zu sehr geneigt, so im 18. Jahr-hundert in der englischen Strumpfwirker-, dann 1800—1850 in der englischen Baum-wollindustrie, wo Revolten auf Revolten folgten. Die Losung Blut oder Brot ging1816 durch die englischen Fabrikdistrikte; 1831 schrieben die Lyoner Seidenweber ausihre Fahne: vivrs so travaillant ou mouiir eombattanr. Auch in Preußen mußten1840—50 die Weberaufstände mit Militär unterdrückt werden.
Es war die Zeit, da Owen, St. Simon, Fourier, L. Blanc , Proudhon, ihreTheorien ersannen; sie drangen noch kaum in die weiteren Arbeiterkreise ein; erst von1848 an breiteten sich dann langsam die Lehren von Lassalle und Marx aus. DieRegierungen waren eben in dieser Zeit (1830 — 70) daran, das Füllhorn wirtschaftlicherund politischer Freiheiten über Westeuropa auszugießen, das der Liberalismus verlangte.Man hoffte optimistisch, damit werde auch jede wirtschaftliche Not verschwinden, freilichvergebens. Neben der neuen wirtschaftlichen Blüte nahm 1340—70 die Not der unterenKlassen zu, und die neue Öffentlichkeit, die Presse, die Litteratur verkündeten sie allerWelt. Ein Teil der Arbeiter fing an sich zu fühlen, mancherlei zu lernen, sich zuorganisieren, so vor allem die englischen Gewerkvereinler. Ob der Arbeiterstand imganzen steige oder sinke, ob die Gewaltthaten und Roheiten zunähmen oder abnähmen,war bis gegen 1870 schwer zu übersehen. Die erschreckten Kulturschwärmer und vieleUnternehmer, ein großer Teil der Besitzenden wurden verängstigt, beriefen sich auf denalten aristotelischen Satz, daß Handarbeit stets verrohe und ungeschlacht mache. Wieman den Bauern 1525 — 1800 entrechtet und geknechtet hatte, wie die amerikanischenSklavenbarone das Sklavenrecht erst 1830—60 ganz unmenschlich gestaltet hatten, sobildete sich in den westlichen Kulturstaaten schon 1800—1866, in Deutschland von Ent-stehung der Socialdemokratie an, eine Unternehmergruppe der socialen Reaktion aus,welche die Arbeiterrechte und das Wahlrecht einschränken, die Koalitionsfreiheit und dieGewerkvereine unterdrücken, ein hartes Regiment mit der Zuchtrute einführen wollten.Sie hatte darin nicht Unrecht, daß die alles entscheidende Frage die psychologisch-sittlichesei: geht es in wirtschaftlichen Tugenden und geistig aufwärts oder abwärts mit dem Arbeiter-stand? wird er immer roher und gewaltthätiger oder gesitteter, vernünftiger, fleißiger,leistungsfähiger? Die billig denkenden und weitsichtigen Beobachter glaubten aber schonvon 1865 an prophezeien zu können, daß trotz aller Roheiten die Presse und Schule, diesteigenden Löhne und die allgemeinen Killtureinflüsse einen zunehmenden Teil der Arbeiter,und zwar gerade den, der sich zu organisieren beginne, mehr und mehr emporheben.
Unter diesen komplizierten, teils herabdrückenden, teils hebenden Einflüssenist die neuere sociale Bewegung entstanden, hat sich das Verhältnis der beiden neuensocialen Hauptklassen untereinander und zur Staatsgewalt und zu den anderen Klassen