548 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. ^1006
Je weniger ausgebildet, Recht und Staat srüher waren, desto leichter führten diefocialen Kämpfe sofort zum Äußersten, zum Aufstand, zur Revolution, zur Gewaltthat,zu Massenhinrichtuugen, großen Konfiskationen. Im Altertum sind ganze Jahrhundertevon solchen Vorgängen erfüllt. In der neuereu Geschichte sehen wir sie wenigstensseltener werden. Es lohnt überhaupt noch ein Wort zu sagen über die Ursachen, diein den einzelnen Klassenkämpfen die Entscheidung und die Art ihrer Durchsetzung,durch Revolution oder Reform, herbeiführen.
Stets ist natürlich die Stärke und Macht der Regierung, das Maß ihrer Ein-sicht und Gerechtigkeit das Wichtigste; dann die Kraft und Organisation der das Alteverteidigenden, der das Neue fordernden Klassen. Der Rechtszustand bezüglich derOrganisation der Klassen, die Möglichkeit der psychischen Ausbildung eines starkenKlassenbewußtseins stehen dabei im Vordergrund. Wir haben davon oben (I § 135bis 136) schon gesprochen, auch betont, daß in älteren Zeiten so leicht nur die höherenKlassen zu einer festen Organisation kamen, die der unteren dagegen fehlte oder gehindertwurde, während heute diese oft stärker organisiert seien. Neben der Art und Krast derOrganisation der Klassen und Parteien kommt es aber auch aus den ganzen öffentlichenRechtszustand, aus seine Starrheit oder Biegsamkeit, auf das Maß der zugelassenenöffentlichen Diskussion der Übelstände, aus die Möglichkeit, sür die Reformen dieStaatsorgane, die maßgebenden Volksversammlungen oder Parlamente zu gewinnen,an. Je größer die Biegsamkeit des öffentlichen Geistes durch die neueren Verfassungengeworden ist, desto mehr wird es möglich sein, die Explosionen zu vermeiden.
Immer aber haben sie zeitweise stattgefunden. Noch öfter wurden sie nieder-geschlagen; oft hat aber auch die usurpatorische Gewalt mit Blut gesiegt. Und keines-wegs war stets das Unrecht aus der unterliegenden, die Gerechtigkeit aus der siegendenSeite, die entschied. Gar zu leicht haben zufällige Umstände, Kopflosigkeit und taktischeFehler der Regierung, Geschicklichkcit oder Ruchlosigkeit der aufständischen Führer, Ein-mischung auswärtiger Mächte einer Klasse einen vorübergehenden Sieg verschafft, derkeine Garantie der Dauer bot. Und daher folgte so leicht der Revolution die Reaktion,wie einst in Griechenland , in Rom, in den mittelalterlichen Städten. Daraus kanngar leicht eine Kette von immer neuen Erschütterungen folgen; ein beruhigter Friedens-zustand tritt lange nicht ein; die unteren Klassen kommen dabei unter Umständen in nochschlechtere Lage als vorher. Jede, auch die schlechte Gewaltregierung ist besser alsstete Anarchie; daher Fremdherrschaft und Militärdiktatur das letzte Ende der Klassen-kämpse früher und teilweise auch in neueren Zeiten noch war.
Alle Vernünftigen haben deshalb stets nach Reformen gerufen, die Revolution ver-urteilt. Auch das Altertum hatte gelungene sociale Reformen, wie die Solons, dieRoms im 5.'—3. Jahrhundert v. Chr. Aber die Leidenschaften der Masse, der Druckdes socialen Unrechtes haben es doch immer wieder zu revolutionären Streichen vonunten und oben kommen lassen, so sehr sie das unsicherste Würfelspiel bleiben. Beialler Verurteilung derselben und allem Hinarbeiten auf ihre Vermeidung darf man abereines nicht vergessen: oft ist das sormale Recht zweifelhaft; oft handelt es sich um denKonflikt eines höheren materiellen und eines wurmstichigen formellen Rechtes. Auchmißlungene Revolutionen können in der Nachwirkung auf die Folgezeit, auf andereStaaten sich als heilsame Anstöße erweisen. Und wo geniale weitsichtige Führerden Ausstand rasch wieder bändigten, neue bessere Zustände mit Gewalt durchsetzten,hat sie stets die Nachwelt gepriesen. Das Neue kanu nicht immer friedlich zum Siegekommen.
Immerhin heute können wir hoffen, müssen wir wünschen, daß die freie Diskussiongenüge, auch die großen socialen Reformen friedlich herbeizuführen, daß nicht Gewaltund Terrorismus sie durchsetzen, daß eine hochstehende Regierung für sie gewonnenwerde, sie in aller Form Rechtens zu stände bringe und ihnen damit auch die Garantieauf dauernden Bestand verleihe. So ist auch allein zu hoffen, daß nur sociale Ver-änderungen unserer Institutionen Platz greifen, die den persönlichen sittlich.geistigenEigenschaften der verschiedenen Klassen entsprechen, daß nur die Klassen neue bessere