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Der weltgeschichtliche Fortschritt in der socialen Schichtung-
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gcfühlc. Die steigende Einsicht in die Zusammenhänge der Gesellschaft macht dieMenschen rücksichtsvoller. Vor allem aber greift der sociale Erzichungsprozeß, wie ihndie höhere Kultur gestaltet hat, tief in die sociale Gliederung ein. Solange es keineandere Erziehung giebt als durch die Eltern oder die von ihnen bezahlten Lehrer, bleibtder Fortschritt im engsten Kreise der Aristokratie, steigert er sich nur in der bereitshöher stehenden Familie. Anders wird es mit allem Schulwesen. Der größte socialeReformator des Altertums, Solon , ging, nachdem er die Schuldknechtschaft beseitigt,die Ehre des Gewerbebetriebes gehoben hatte, daran, die bisherigen aristokratischenSchulen und gymnastischen Übungsplätze dem größeren Teil des Volkes zugänglich zumachen. Eine demokratische Schulresorm sollte der Schlußstein der socialen sein. Dieeinsichtigsten heutigen englischen Verwaltungsbeamten Indiens, die einsehen gelernthaben, daß jeder direkte Kampf gegen das Kastenwesen unmöglich sei, sprechen neuer-dings die sichere Hoffnung aus, daß es dem vordringenden Schulwesen gelingen werde,es in absehbarer Zeit zu beseitigen. Und es ist klar, nur eine allgemeine gesellschaft-liche Organisation des Unterrichts für alle, wie sie im Keime mit der christlichen Kirchegegeben war, wie sie sür die höheren Stände schon im Mittelalter entstand, wie siedann von den Reformatoren für das ganze Volk erstrebt, von den voraugeschrittenstenStaatsgewalten, hauptfächlich den deutschen, in den letzten 10V Jahren endlich inunserer Volksschule neben den höheren Schulen durchgeführt wurde, ermöglicht zunächsteine gewisse Freiheit der Berufswahl, giebt die Möglichkeit, die Talente der unterenKlassen in höhere Schulen zu bringen, beseitigt den schroffsten socialen Gegensatz, welcherdie stärkste Abhängigkeit bedingte. Nur auf der gänzlichen Vernachlässigung der staat-lichen Pflichten im Schulwesen beruhte die Verkommenheit des englischen Arbeiter-proletariats in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts; schon R. Owen sah denSchwerpunkt der socialen Resorm in Schulen sür die Arbeiterkinder. Nicht die Schuleallein, aber sie doch wesentlich und in Verbindung mit den anderen Mitteln und Ein-richtungen körperlicher, intellektueller und moralischer Zucht beherrscht die Zukunftunserer unteren Klassen. Je weiter unser ganzes Bildungs- und Unterrichtswesen sichloslöst von der Familie, je mehr es sich als eine große selbständige Organisation inden Händen des Staates, der Gemeinden, der Korporationen, der Vereine gliedert, jemehr neben die Volks- die Fortbildungsschule, die Fachschulen, die Kunst- und Gewerbe-schulen für alle Arbeiter, Werkmeister, sür den ganzen Mittelstand treten, desto mehrwerden die geistigen Bande der Gemeinsamkeit wachsen, desto mehr werden den un-günstigen erblichen Klasseneinflüssen Gegengewichte geschaffen. Wo man ein breiteskirchliches nnd Privatschulwesen zuläßt, wird die ganze Institution weniger einheitlichwerden, als wo der Staat mehr oder weniger das Schulwesen in der Hand hat.
Wir werden deshalb nicht Heute schon, wie demokratische Optimisten glauben,behaupten können, alle erbliche Überlieferung höherer Eigenschaften trete gegen dieErziehungseinflüssc ganz zurück, es habe sich heute schon jene starke Biegsamkeit allerkörperlichen und geistigen Eigenschaften gebildet, die gestatte, aus jedem Individuumalles zu machen. Aber sicher ist, daß Schule, Presse, Theater, öffentliche Meinung aufdie ganze Bevölkerung mehr und mehr einen einheitlichen nivellierenden Einfluß aus-üben. Es ist ein geistiges Fluidum entstanden, das in alle Poren dringend die Gesell-schaft gewissermaßen demokratisiert. Am stärksten ist neuerdings die Bevölkerung dervon Europäern kolonisierten Gebiete nivelliert, wo das europäische Proletariat und dieeuropäische Aristokratie fehlt, wo eine allgemeine Volks-, aber noch keine breite höhereSchul- und Geistesbildung vorhanden ist, wo eine Auslese derb kräftiger Einwandererund Kolonisten einen sehr breiten Mittelschlag zum Typus der ganzen Bevölkerungmacht; hier treffen wir eine ganz nivellierte demokratische Gesellschaft trotz viel größererGegensätze des Vermögens als in Europa. Auch die Schweiz zeigt im Zusammenhangmit ihrem Schul- und Bildungswcsen ähnliche Züge.
Sind so das staatliche geordnete Schulwesen und, wie wir im vorigen Paragraphensahen, die ganzen Rechts- und Verfaffungseinrichtungen die Haupthebel für den socialenFortschritt, so kommen natürlich die gesamten Wirtschafts-, zumal die eigentlich socialen