550 Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. ^1W8
wieder in der Folge ein Aufsteigen der Mittel- und unteren Klassen, ein Ausgleichungs-prozeß statt. Die zwei Bewegungstendenzen können sich teils partiell zu gleicher Zeit,teils und in der Regel werden sie historisch nach einander sich geltend machen; beide solgenmit Notwendigkeit aus psychologischen und gesellschaftlichen Ursachen. Außerdem werdenwir behaupten können, daß über ein gewisses Maß der Spaltung die Kluft zwischenhöheren und niedrigen Klassen nicht gehen könne, ohne daß die Völker darüber durchmörderische Kämpse zu Grunde gehen. Der Fortschritt der Menschheit an Geistes- undGemütskräften, an Wohlstand und Technik, an Recht und Moral schließt also jedenfallsin sich, daß auch die unteren Klassen der vorangeschrittensten Völker ihren Anteil daranhaben; es ist nur die Frage, wie groß er sei, wie stark zeitweise die Differenzierungder Klaffen wachsen, die Ausgleichung zurücktreten könne. Und da scheint uns dieGeschichte doch die Antwort darauf zu geben, daß die älteren größeren Eroberungsstaatenmit ihrem Kasten- und Sklavenwesen, ihren Eheverboten, ihrer strengen rechtlichenKlassenscheidung, ihrer Erblichkeit der Beruse, ihren Menschenopfern, ihrer rohen Mitleids-losigkeit viel größere Gegensätze kannten als die antiken Kulturstaaten, diese als dieneuere Zeit. Wir haben heute nirgends eine Klassenherrschaft der Reichen, wie sie inGriechenland und Rom vorkam, auch keine zeitweise Pöbelherrschaft, kein Verschwindender Mittelstände wie damals, weil wir als Erben der griechisch-römischen Kultur einviel höher stehendes Recht und viel selbständigere, festere Staatsgewalten, selbst in denRepubliken haben. Wir haben heute in den Kulturstaaten homogenere Rassenvcrhältnisse,gleichmäßigere Bildungs- und Gesittungsverhältnissc, trotz aller neuen Zunahme derGegensätze. Nirgends herrscht heute der große Grundbesitz oder die Kupitalistenklassewie damals, nirgends ist der Arbeiterstand so entrechtet, so tiesstehend, wie es dieantiken Sklaven waren, so schlecht und politisch unfähig wie der damalige Stadtpöbel,so mord- und beutegierig wie die antiken Soldheere.
Die Ursachen sind im ganzen einfache: die geistigen und sittlichen Fortschrittehaben sich im Laufe der Geschichte immer mehr auf alle Klassen ausgedehnt; diegeläuterten Religionssysteme, in Europa das Christentum, beherrschten bis vor kurzemdie gesamten Völker ziemlich gleichmäßig. Der Gesamtwohlstand ist so gewachsen, daßder größere Reichtum der oberen Klassen doch Raum auch für die bessere Lebenshaltungder unteren läßt. Alles Recht, alle politischen und wirtschaftlichen Institutionen sindhumanisiert, haben die erbarmungslose Härte der älteren Gesellschaftszustände abgestreift.Die Rechtsgleichheit, die freie Berufswahl, die Niederlassungsfreiheit, die EhefreiheiMatüberall Berührungen, Fortschrittsmöglichkeiten, Blutmischungen zugelassen, die srüherfehlten. Hat die antike Kultur schon mit Weltrcligioncn und Weltsprachen geendigt,so hat heute der Weltverkehr eine social sördcrliche Einheit des geistigen und materiellenLebens geschaffen, er hat die Ansänge eines Weltrechtes, die rasche Nachahmung allersocialen Fortschritte von Volk zu Volk, wie z. B. die Beseitigung der Sklaverei, dieArbeiterschutzgesetze ins Leben gerufen, was noch vor 2—3VV Jahren undenkbar war.
Das Wichtigste bleibt stets einerseits die Veränderung in der Welt der geistigenKräfte, der Erziehung, der Ideen, welche natürlich an gewisse materielle Voraus-setzungen gebunden, aber mit ihnen nicht im einzelnen gegeben ist, und andererseitsdie Veränderung in den gesamten politischen, socialen und wirtschaftlichen Institutionen.Wir sagen in Ergänzung des letzten Paragraphen darüber noch ein paar Worte.
Es wächst mit der höheren Kultur zwar stets auch der Individualismus, derEgoismus, der Erwerbstrieb; aber ebenso bilden sich die gesamten höheren Gefühle, dieSympathie, das Mitleid, die Mitempfindung mit Nichtverwandtcn, mit Berufsgenossen,die Vaterlandsliebe, das sociale Pflichtgefühl aus. Je dichter die Menschen wohnen,desto mehr lernen sie, Rücksicht auf einander nehmen. Die Bedürfnisse, die Sitten, dieLebensgewohnheiten, die Umgangsformen werden einheitlicher. Wie jeder heute jedenmit „Sie" anredet, so ist an der Kleidung der Millionär oft kaum vom Arbeiter mehrzu unterscheiden. Die Zunahme städtischen Lebens steigert den Gleichheitsdrang unddie Gleichheitsidee; die zunehmende politische Freiheit läßt die Verantwortlichkeitwachsen; mit der zunehmenden Arbeitsteilung entstehen stets auch wieder Solidaritäts-