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Dcr Plan des großbritannischcn Rcichszollvercins.
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versteht die Zeit und die Behandlung der Massen. Wenn er das Ziel erreicht, vorallem Kanada und Australien enge handelspolitisch mit England zu verbinden, so wirder der Neubegründer der englischen Macht sein. Wir Deutsche haben davon vielleichtzunächst einige Schwierigkeiten, aber wir können uns doch darüber freuen. Denn so ostAlbion uns geschädigt hat, so sehr seinen meisten Söhnen das Verständnis sür unserGedeihen sehlt, der Niedergang Englands würde nur die handelspolitischen Gefahren,die von Rußland und den Vereinigten Staaten , von ihren Weltherrschaftsgedanken derübrigen Welt drohen, vermehren. Unser Gedeihen und das aller kleineren Reiche istgesicherter, wenn die drei Riesenmächtc sich im Schach halten, als wenn die uns durchdie Rasse, Kultur und Religion nächstverwandte Macht, die mit den besten Verfassungs-formen und der besten Soeialpolitik, vom Platz an erster Stelle ausschiede.
270. Die Würdigung der neuesten Schutzzollära. Die neuerentheoretischen Argumente, die Frage des Industrie- und Agrarstaates.Es bleibt uns nach dieser Betrachtung der einzelnen Staaten übrig, 1. den großen Um-schwung der Handelspolitik aller Staaten in den letzten 25 Jahren einheitlich zu er-klären und in richtigen Zusammenhang zu bringen mit den beiden vorausgegangenenEpochen des Merkantilismus und des Freihandels und 2. einen Blick zu werfen aufdie Theorien und Argumente, mit welchen heute in der Handelspolitik gekämpft wird.
a. Die ganze neuere Handelspolitik von 1500—1900 in ihrer weitgrcisendenBedeutung beruht aus der steigenden Herausbildung zweier großer Thatsachenreihen,einer wirtschaftlichen und einer politischen.
Die wachsende persönliche und geographische Arbeitsteilung, der volle Übergangvon der Eigen- zur Verkehrswirtschaft hatte die Folge, daß ein immer größerer Teilaller Produktion vom Markt und Verkehr abhängig wurde. Und dieser Absatz undVerkehr war der Beeinflussung durch gesellschaftliche Institutionen, durch rechtliche undstaatliche Konkurrenzregulierung zugänglich. Je mehr Absatz und Verkehr über dieGrenzen der Staaten hinausgriff, desto mehr wurde zugleich ein steigender Teil derganzen Produktion abhängig von der auswärtigen Politik, hauptsächlich von der Handels-und Kolonialpolitik. Während diese früher nur die Personenbewegung, den Zwischen-handel und die Produktion weniger wertvoller, weitversandter Waren hatte beeinflussenkönnen, erschienen seit den letzten Jahrhunderten mehr und mehr die gesamte wirtschaftlicheProduktion, ihre Richtung, ihr Gedeihen oder wenigstens ganz erhebliche Teile derselbenabhängig von der Handelspolitik.
Die älteren großen Reiche hatten, auch wenn einige Arbeitsteilung stattfand, vondcr Fremdenpolitik abgesehen, nicht die Mittel der Verwaltung, eine eingreifende Handels-politik zu treiben. Das ist zuerst in den Stadtstaaten, dann vom 14. —16. Jahrhundertin den Kleinstaaten, seit 1600—1800 in den europäischen Nationalstaaten, heute auchin den Riesenreichen der Kulturrassen anders geworden. Geldwirtschaft und Steuern,Beamtentum und staatliche Marine schufen einen wachsenden Verwaltungsapparat, derGrenzen bewachen, allen Handel kontrollieren, Zollsysteme durchführen, Kolonien erwerben,ihre Produktion und ihren Handel mit dem des Mutterlandes verbinden konnte. GuteFinanzen wurden die Voraussetzung guter Politik. Gute Finanzen waren nur möglichbei rasch fortschreitender Volkswirtschaft. Die Handelspolitik wurde das HauMnstrument,um diese Ziele zu erreichen, bald auch um einen großen Teil der Volkswirtschaft zulenken. Sie wurde zugleich, neben den aus handelspolitischen Gründen geführten Kriegen,das dauernde Instrument der staatlichen Machtförderung. Die Staatenbildung von1500 bis heute beruht ebenso wie die Volkswirtschaftsbildung auf der immer intensiverausgebildeten Handelspolitik. Englands maritime Größe beruht heute noch mit aufCromwells Schiffahrtspolitik, wie die Preußens auf der Handelspolitik seiner Fürstenvon 1640—1786. Die Züge der französischen Volkswirtschaft tragen heute noch dieSpuren von Colberts Gesetzen und von der Handelspolitik Napoleons I. wie die derdeutschen die Züge des Zollgesetzes von 1818.
Die Zeit des Merkantilismus hat die Möglichkeit der handelspolitischen Ein-wirkung aus den Wohlstand und die Art der wirtschaftlichen Entwickelung gleichsam
Schmollcr, Grundriß der Volkswirtschaftslehre, II. 1,—v, Aufl. 41