Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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Viertes Buch. Die Entwickelung des volkswirtschaftlichen Lebens im ganzen. ^1098

Reiches, der zuerst mehr diskutiert wurde, ist jetzt hinter dem Reichszollverein zurück-getreten. Dieser wird mehr und mehr gedacht als ein Zollverband, der in den Koloniendie englischen Fabrikate gegen nichtbrittische, der im Mutterlande die wichtigstenNahrungs- und Rohstoffe der Kolonien gegen fremde bevorzugt. Das bedeutet fürEngland eine wenn auch mäßige Belegung von Weizen, Wolle, Vieh, Fleisch, sofernsie nicht aus den Kolonien kommen; die etwaige Verteuerung soll durch Herabsetzungder Finanzzölle aus Thee, Kaffee, Zucker und ähnliche Waren wett gemacht werden.Ehamberlain und seine Leute sagen nicht mit Unrecht: das brittische Reich hat nurdie Wahl, entweder bald ganz auseinander zu fallen oder durch diese neuen Klammernder Einheit zusammengehalten und gestärkt zu werden. Die Gefahren des jetzigenhandelspolitischen Zustandes wurden in den letzten Jahren immer mehr erkannt. Manempfindet in England , daß die Stockung in der Fabrikatenausfuhr durch den Rückgangder englischen Handelsmarine noch gefährlicher wird, daß der Ersatz der Fabrikatenausfuhrdurch die Kapital- und Kohlenausfuhr nicht ohne Bedenken ist. Die Kapitalausfuhrgiebt hohe und gute Zinsen, aber vermindert die Arbeitsgelegenheit im Lande; Nicholsonerinnerte schon 1884 daran, daß Holland ein ähnlicher Gläubigerstaat erst wurde, alsseine Macht abnahm. Mit Steinkohle zahlte früher England nur einen kleinen, jetzteinen großen Teil seiner Einfuhr; es exportierte 1850 3,8, 1900 58,4 Mill. Tonnen(letztere im Wert von 48.3 Mill. F ^- 987 Mill. Mk.); man fragt, ob das nichtRaubbau, bedrohlich für die Zukunft sei. Die steigende amerikanische Eisen- und Stahl-einfuhr der letzten Jahre, mit Preisunterbietungen des offenen englischen Marktesvon 3284°/°, als Folge der Riesentrusts, der Ausfuhrprämien, hat den Wunsch nachSchutz durch Zölle sehr gesteigert. Die amerikanische Gefahr wird heute ganz andersals noch vor wenigen Jahren angesehen. Der Reichszollvcrein soll helfen; er soll dieErnährung sicherer gestalten, die Angst vor amerikanisch-russischen Sperren beseitigen,der englischen Industrie Luft für ihren Absatz macheu, die Einfuhr anderer Staaten inden Kolonien etwas verringern. Es fragt sich nun natürlich, welches Maß diediffercnticlle Belegung in den Kolonien und im Mutterland haben soll. Die Heiß-sporne sprechen schon von Zöllen im Betrag von 2575°/o, ja Verboten sür ameri-kanische Waren. Derartiges würde den großen Handel Englands nach Amerika, Deutsch-land, Frankreich vernichten, Zollkriege und ungeheure Veränderungen des Welthandelsherbeiführen. Der Trost, man könnte die Schädigung des Zwischenhandels durch Frei-häfen paralysieren, ist gering. Es wird hoffentlich Chamberlains Einsicht und seinemwachsenden Einfluß gelingen, die extremen Schutzzöllner im Zaum zu halten; nur einganz maßvolles Differentialsystem zwischen England und seinen Kolonien, das denübrigen englischen Handel schont, hat einige Aussicht auf dauernden Erfolg. Ein solcheswürde Deutschland nicht so sehr schädigen: ob die Engländer nur kanadisch-australischesMehl oder auch amerikanisch-argentinisches verzehren, kann uns gleich sein; eine Jnoustric-konkurreuz in England mit den Kolonien halten wir aus, ob sie dort einen kleinenVorsprung haben oder nicht; auch aus dem Fabrikatenabsatz nach den Kolonien ver-drängt uns eine ähnliche Bevorzugung nicht ganz. Billige Handelsverträge mit unswerden England und seine Kolonien immer wieder schließen müssen.

Ob aber der so gestaltete Reichszollverein für England Rettung bringt, ist schwerzu sagen. Er hat viele Ähnlichkeit mit dem früheren Kolonialsystem; je mehr er ein-schneidend wirkt, desto mehr nötigt er Gebiete, die um die halbe Erde auseinander liegen,zu einem Tausche, den sie billiger und besser in der Nähe und mit anderen Staatenhaben können. Der Selbständigkeitsdrang ist in Australien und Kanada sehr groß.Sie werden ihre Industrien auch ferner gegen England schützen wollen. Wenn ihnenAshlcy rät, wenigstens keine neuen zu begründen und ihnen vorstellt, eine mehr agrarischeEntwickelung bewahre sie vor den Gefahren des Jndustrialismus und vor übermäßigensocialen Kämpfen, so ist das wahr. Aber es ist fraglich, ob die demokratisch-jugendlichenKolonien solche Ratschläge hören und ihnen folgen.

Chamberlain ist aus dem von ihm beherrschten Kabinett ausgetreten, um alsAgitator größten Stils zu wirken. Er ist die erste Politische Größe Englands , er