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Die innere Colonisation in Schleswig-Holstein vor hundert Jahren : Rede zum Antritt des Rektorates der Christian-Albrechts-Universität in Kiel am 5. März 1895 / von Wilhelm Seelig
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Carl Andreas Peter Graf von Bernstorf

war nicht, wie vielfach angesehen wird, der Sohn, sondern der N e ffe desGrafen Hartwig Ernst von Bernstorf, der Sohn eben jenes älterenBruders Andreas Gottl ieb von B., mit welchem Hartwig Ernst von B.zusammen auf die Universität und auf Reisen gegangen war. Er wurdezu Hannover am 28. August 1735 geboren. Gleich seinem Oheimgcnoss er eine sorgfältige, jedoch vielleicht allzustrenge Erziehung, be-suchte die Universitäten Leipzig, Göttingen und Genf , bereistedann nach der Sitte der damaligen Zeit Italien, Frankreich und England ,überall persönliche Beziehungen anknüpfend und Staatseinrichtungenbeobachtend. Er war von früh auf bestrebt seinem Oheim, wie seinemAhnherrn nachzueifern. Im Jahre 1755 in den dänischen Staatsdienstgetreten, war er während der Amtirung seines Oheims in der deutschenKanzlei, in der Rentenkammer, wie in der Generalzollkammer in ver-schiedenen Stellungen thätig, besonders aber von seinem Oheim indessen Geschäften eingeweiht und darin mitwirkend. Mit diesem ver-liess er dann auch im Jahre 1770 Kopenhagen , begab sich auf seineGüter und widmet sich da mit allem Eifer der Landwirthschaft. 1773übernahm er jedoch an seines plötzlich verstorbenen Oheims Stelle dasMinisterium des Aeussern, welches er mit der an anderer Stelle er-wähnten von 1780 bis 1784 dauernden Unterbrechung bis zu seinem1797 erfolgten Tode bekleidete. In dieser zweiten Periode seiner Amts-thätigkeit genoss er das besondere Vertrauen des Kronprinzen-Regenten,der ihn ja auch wieder in das Ministerium berufen hatte und seinenRathschlägen fast unbedingt Folge leistete. Bernstorfs Wirksamkeitwar für Dänemark und besonders auch für die Herzogthümer Schleswig-Holstein , denen er eine erklärliche Vorliebe zuwandte, eine nach vielenSeiten sehr segensreiche, sodass sein Tod als eine allgemeine Landes-kalamität angesehen und ebenso tief wie aufrichtig betrauert wurde. InKiel hielt ihm der Historiker Prof. Hegewisch am 28. August 1797 inder Universität eine Gedächtnissrede, in welcher seine Verdienste umdas Land gefeiert wurden. Als Hauptverdienst führt Hegewisch an.dass es Bernstorf gelang unter den sehr schwierigen Verhältnissen derdamaligen Zeit und gegenüber den mancherlei Gefahren, welche Däne-mark besonders bedrohten, den Frieden zu erhalten. Der Frieden unddie Neutralität, welche Bernstorf für Dänemark mitten zwischen denstreitenden Partheien zu wahren wusste, brachten dem Lande auchgrosse materielle Vortheile. Nicht nur, dass es von den Opfern, welcheeine aktive oder passive Theilnahme an dem Kriege dem Lande un-