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Die innere Colonisation in Schleswig-Holstein vor hundert Jahren : Rede zum Antritt des Rektorates der Christian-Albrechts-Universität in Kiel am 5. März 1895 / von Wilhelm Seelig
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aus nicht etwa sich bereichert, vielmehr während seiner Dienstzeit etwa3 / 4 Millionen Thaler eigenen Vermögens geopfert hätte.

Der König sah das Unzutreffende der erhobenen Beschuldigungenein und gab bald darauf Bernstorf die Genugthuung, dass er ihn unddas ganze freiherrliche Haus Bernstorf in den Grafenstand erhob. Esgeschah dies, nachdem Bernstorf den Austausch-Vertrag über den Got-torp'schen Antheil von Holstein mit Russland zu Stande gebracht hatte.Der Hauptankläger Bernstorfs, Graf Danneskiold, ein verdienterSeemann, der fremden Einflüssen als Werkzeug gedient hatte, sah selbstdie Grundlosigkeit seiner Beschuldigung ein und versöhnte sich mitBernstorf, der ihm grossmüthig verzieh. Aber die Stellung Bernstorf'swar nun doch einmal erschüttert. Struensee, der immer mehr Ein-fluss gewann, in Bernstorf aber das Haupthinderniss für die Erreichungseiner ehrgeizigen Pläne sah, vvusste allmählig den König so gegenBernstorf einzunehmen, dass dieser am 13. September 1770 ihm plötz-lich seine Amtsentlassung, allerdings unter Dankbezeugung für diegeleisteten Dienste und Beilegung einer Pension zusandte.

Bernstorf verliess alsbald Kopenhagen und wählte Hamburg zuseinem Aufenthalt, wo er einen grossen Kreis von Gelehrten, hervor-ragenden Staatsbeamten in seinem Hause häufig um sich sah, insbesondereaber an Klopstock einen Trost und Beistand gewährenden Hausgenossenbehielt. Bernstorf nahm zu tiefen Antheil an den Geschicken seinesAdoptivlandes, in welchem nun die abentheuerliche Regierung Struensee'sGefahren aller Art heraufbeschwor, als dass er nicht den tiefsten Schmerzdarüber empfunden hätte. Dennoch ging das traurige Ende dieses Mannes,der doch sein schlimmster Gegner war, seiner edlen Seele sehr nahe.

Russland wollte den grossen Staatsmann jetzt in seinen Dienstnehmen, aber Bernstorf hing zu sehr an seinem Adoptiv-Vaterlande,als dass er sich hätte entschliessen können, diesem ehrenvollen Rufezu folgen. Sobald aber nach Struensee's Ende die Aufforderung anihn erging, seinen früheren Platz in Kopenhagen wieder einzunehmen,zögerte er keinen Augenblick diesem Rufe Folge zu leisten, obwohlseine von jeher schwache Gesundheit, die durch das erzwungene Still-leben und die vielfachen erlittenen schweren Kränkungen noch mehrgelitten hatte, zu Bedenken Anlass geben konnte. Aber sein unerwartetschnelles Hinscheiden vereitelte diese Absicht. Bernstorf ruht in derKirche des zu seinem Stammgut gehörigen Dorfes Siebeneichen.