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bleiben wir im Gebiet der Tatsachenfeststellung. Wir untersuchennur, ob sie mit ihren Mitteln und Ideen wirklich ihrem Ziel nach-kamen, ohne das Ziel selbst zu bewerten. Neben dieser rein relati-vistischen Kritik werden wir eine vergleichende Kritik üben können,indem wir die damaligen Auffassungen den unseren gegenüber-stellen.
So werden wir unsere Angriffe zunächst nur gegen ihrePolitik richten. Eine Politik kann aber für ihre Zeit durchauszu Recht bestehen, doch wird sie wie alles veralten; es ist dieFrage, ob wir heute noch Bismarcksche Politik treiben könnten.Dieser Relativismus der Geschichtsauffassung hat seine Berechtigung.Wir haben es leicht, von hoher Warte aus zu sagen: das, was mandamals tat, ist falsch und jenes richtig. Small greift daher in be-rechtigter Weise Adam Smith an. »Smith did not distinguish . . .,between ,political economy' as a theory and ,economic policy' 26 ).Es war noch keine Wissenschaft. Auch Mo hl, der den Merkan-tilismus sonst recht abfällig beurteilt, spricht ausdrücklich von dem»relativen Wert, welchen er für Zeit und Umstände haben konnte« 27 ).Es bleibt uns also nur eine Kritik der Anschauungen und Maß-nahmen der Merkantilisten übrig, doch auch nur in beschränkterWeise, weil sie ja in ihnen nicht einig gingen. Ausführlicherals an dieser Stelle werden wir uns im dritten Teil mit ihrenMeinungen zu befassen haben.
5. Im Vordergrund des Interesses und der Debatten stehen diemerkantilistischen Äußerungen über das Geld. Es war ihnen —das steht heute fest -— Mittel zum Zweck, nichts anderes. Siewaren ebensowenig nur auf das Geld erpicht, wie sie in ihmkeineswegs den alleinigen Reichtum erblickten. Im Mittelalterherrschte die Nahrungsidee, erst die Neuzeit erweckt kapitalistischenGeist. Die Autarkie der Naturalwirtschaft soll überwunden werdendurch die kräftig pulsierende Geldwirtschaft. Das Geld wird Mittelzum Leben, nicht zum Besitz. Die Merkantilisten erstreben seinenUmsatz: es ist ihnen Zirkulationsmittel. Sie meinen, je öfteres umschlage, desto mehr diene es dem Verkehr, den sie habenwollen. Das Geld soll die Produktivkräfte des Landes erwecken,damit für den Erwerb produziert wird: G-W-G. So sind diemerkantilistischen Wirtschaftsanschauungen auch ein Moment fürdie Entstehung des Kapitalismus . Man hielt das Geld für das»Schwungrad des Verkehrs« (Schmoller), sah in ihm also nichtsanderes, als was Adam Smith auch in ihm erblickte. Ihm istdas Geld »das große Umlaufrad,« das »kostspielige Verkehrs-
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