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kantilismus eine internationale Bewegung mit einer eminentnationalen Tendenz war, die zu ihrer Zeit alle Länder in gleicherWeise beherrschte. Sie bedingt ihrerseits in Deutschland — wie wir sahen — zum großen Teil den Kameralismus. Ichhalte es auch für falsch, wenn man diesen Begriff, den wir nuneinmal für Deutschland geprägt haben — mag er richtig oderfalsch sein — auf alle Länder überträgt. Man muß doch irgend-wie den »Kameralisten« mit der Kammer in Verbindung setzen,wie es hier auf Grund der historischen Entwicklung geschah, umdamit diese spezifisch deutsche Beamtenkategorie zu cha-rakterisieren. Small und Salz aber drehen die Begriffe um,wenn sie von einer »kameralistischen Staatswissenschaft« sprechen,die sich einer merkantilistischen Wirtschaftspolitik bedient hätte.
d. Dies veranlaßt noch die Frage, was am Kameralismustypisch deutsch war. Wir sahen, daß die Institutionen, andenen die »Kameralisten« heran wuchsen, zum größten Teil nichtdeutschen Ursprungs waren, daß hier burgundisch-nieder-ländische und französische Einflüsse den Ausschlag gaben. Sokönnen wir das äußere Band, das die Kameralisten hielt, nichtals rein deutsch ansehen. Innerlich aber kettete sie vor allemder Merkantilismus, diese Bewegung, die durch ganz Europa ging und nicht nur deutsch war. Dazu kamen die Anregungen,die das römische Recht, die griechische Antike, die christlicheStaatsanschauung gaben. All das können wir keineswegs als deutsch ansehen. Wollen wir aber doch etwas eigentümlich Deutschesim Wesen der alten Kameralisten herausschälen, so ist es dasMilieu, in dem sie lebten: die Kleinstaaterei, die ihre Stel-lung als Volks- und Privatwirte zugleich erklärt, wie wir siebei den anderen Staatsmännern keineswegs finden. So kommt es,daß wir bisher nur deutsche Kameralisten kennen. Doch ließensich durchaus gleichgeartete Beamte unter gleichen Verhältnissendenken: wir sahen die ähnliche Zerrissenheit wie in Deutschland auch in Burgund , das erst durch die Verwaltungsorganisation,die Maximilian vorbildlich war, geeint wurde. Vor allem aberkönnte man sich »Kameralisten« in Italien denken, das so vielVerwandtschaft mit Deutschland auf weist. Salz weist mit Rechtdarauf hin, wenn er sagt: »Die drei charakteristischen Momenteder politischen Lage Italiens im 13. Jahrhundert wiederholen sichim 17. für Deutschland : 1. die aufkeimende Macht der italienischenStädte (jetzt der Territorien), 2. die außerordentliche staatliche Zer-splitterung und 3. die Emanzipation von Kaiser und Reich« 77 ).