Viertes Kapitel.
Der dreißigjährige Krieg zieht eine Trennungsliniedurch die deutsche Geschichte: er schafft dem deutschen Wirt-schafts- und Kulturleben andere Bedingungen. Mögen die Folgenhier und da verschieden gewesen sein, Spuren bleiben zurück vondem entsetzlichen Ringen, das ein Menschenalter hindurch aufdeutschem Boden ausgefochten wurde. Wie mit der Reformation,diesem ureigenen deutschen Werke, überall ein Aufschwung be-gonnen hatte, so kam nun der Niedergang. Alle Blüten wirtschaft-licher und geistiger Kultur, die das 16. Jahrhundert geschaffen,waren vernichtet, die begonnenen Reformen zerstört, und jetztgalt es, überall neu aufzubauen. Die Verwaltungsänderungen,die man im letzten Jahrhundert nach österreichischem Vorbild an-gefangen hatte, waren zum Stillstand gebracht, nun mußten sievon neuem auf genommen werden. Wer wollte die Wunden zählen,die der Krieg überall geschlagen hatte? Das aber war wohl diegrößte, daß er die Kluft unter den deutschen Staaten noch vertiefthatte: die Einigung war Problem, das Reich nur eine Farce.Es lag danieder, bis andere große Zeiten kamen, und man imkleinen begonnen hatte, die Schäden zu tilgen. Allen voranstanden Brandenburg und Österreich , um die Wunden zu heilen.Auch das geistigeLeben der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts,mit ihm Kunst und Wissenschaft, war auf einem erbärmlichen Tief-stand angelangt. Der religiöse Hader hatte alles, was emporstrebte,vernichtet. Mit der Befreiung, die die Reformation gebracht,konnten einem Luther kongeniale Deutsche wie Albrecht Dürer ,Peter Vischer und Veit Stoss ihre Meisterwerke schaffen: undwie Luthers Schriften und Lieder sprachen Dürers Apostel oderVeit Stoss ’ Englischer Gruß von der sittlichen Größe und demtiefen urdeutschen religiösen Ernste, der diese Zeit beseelte. Das17. Jahrhundert kennt keine Nachfolger, die ihrer würdig wären.Und wie war es mit der Dichtkunst? Die lieblichen Töne desSängers der »Wittenbergisch Nachtigall« waren verstummt, und