200
auf die Weisen eines Hans Sachs, die aus dem ewig jungenVolksherzen kamen, folgten die steifen nüchternen gelehrten Ge-dichte eines Opitz und seiner Nachbeter, die alles andere nur nichtPoesie waren. Die Kunst kann nur gedeihen, wenn es dem Volkgut geht. Das war aber nicht der Fall: man hatte damals keineZeit, nach den Wirren des Krieges gab es nicht Muße zu künst-lerischem Empfinden: die wirtschaftlichen Fragen standen imVordergrund. Die alten merkantilistischen Ideen erwachten zuneuem Leben, bekamen nun erst recht Kraft und Stärke. KeinWunder, daß die volkswirtschaftliche Literatur im Gegensatzzu der rein künstlerischen aufblühte.
Gerade diese Zeit hat uns bedeutendeVolkswirte geschenkt,deren Schicksal es war, stets unterschätzt zu werden. Sie warennicht durchaus originell, aber sie erreichten eine Höhe, die dereines Serra und Botero, eines Malynes und Child, wohl eben-bürtig zu nennen ist. Wir glauben nur allzugern, erst seit AdamSmith sei es auch in Deutschland nationalökonomisch heller ge-worden, weil wir nicht beachten, daß längst vor ihm auch bei unsbedeutende nationalökonomische Werke entstanden. Man solltenicht vergessen, daß schon um 1530 in der Albertinischen Münz-schrift und dann in dem ausgehenden 17. Jahrhundert Deutsche in origineller Weise volkswirtschaftliche Ideen propagiert haben.Die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts hat uns drei große Volks-wirte in den drei Kameralisten Becher, Hornigk und Schröderbeschert, die ich die drei großen Österreicher nennen möchte,wenn auch keiner von ihnen Österreicher von Geburt war; aberdort hatten sie ihren Wirkungskreis. Sie sind glühende Patrioten,und diese Vaterlandsliebe, die ihre Schriften erfüllt, verleiht ihnensittliche Kraft und Größe.
Die moralischen Betrachtungen, die Small und Roscherüber Becher anstellen, treffen ihn kaum. Wohl war Becher einAbenteurer, aber war er es aus eigener Schuld? Kann man —wollen wir hier einmal den Charakter des Mannes würdigen undeinen Augenblick von unseren wirtschaftlichen Betrachtungen ab-schweifen — ihn darum verdammen, weil er so unstet war, ohnezu fragen: warum? Will man die Peer-Gynt-Natur in ihm ver-urteilen, ohne zu wissen, daß dieser Phantast doch der Erlösungfür wert befunden wurde? Becher war keine geschlossenePersönlichkeit, er war eine äußerst vielseitige Natur, dafürsprechen die vielen technischen Projekte und chemischen Unter-suchungen, die er anstellte. Und wenn er hierin neben wirklich