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Die alten deutschen Kameralisten : ein Beitrag zur Geschichte der Nationalökonomie und zum Problem des Merkantilismus / von Kurt Zielenziger
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fährt er fort, »weshalb es eine theoretische Wendung bedeutensoll, wenn ein Gelehrter einmal den Boden der gegebenen Ver-hältnisse verläßt und im Aussprechen utopistischer Gedanken auchseinem Ideale eines Gemeinwesens zu seinem Recht verhelfenwill. Wir haben aber einen trefflichen Beweis, daß Becher dieRealisierung dieses Ideals selbst nicht für möglich gehalten hat.Wäre es der Fall gewesen, so hätte er, dem es an Kühnheit imProjektmachen ja nicht gebrach, die oben aufgestellten Forde-rungen doch in seiner psychosophischen Gemeinde zu verwirk-lichen gesucht« 233 ).

Erdberg konnte sich etwas leicht über den Konflikt hinweg-setzen, der hier zweifellos besteht, weil er den viel klareren »MoralDiseurs« nicht kannte und nicht wußte, daß Becher nicht nur»einmal den Boden der gegebenen Verhältnisse« verläßt, undauch nicht, wie Roscher meint, am Lebensabend, sondern geradezur Zeit seines größten Ansehens diesen kommunistisch-utopisti-schen Ideen nachging. Wir lassen es am besten bei dem großenFragezeichen und gestehen offen ein: ignoramus! Flaben wir esdoch vor allem mit dem Politiker Becher zu tun; das ist derMann, der groß und bekannt wurde, als solcher ist er Kameralistund Merkantilist, denn alle seine politischen Schriften atmendiesen Geist. Wir haben auch schon betont, daß die Glückselig-keitsideen, die er vor allem im »Moral Diseurs« vertritt, zu seinermerkantilistischen Weltauffassung in keinem Widerspruchstehen. Im Gegenteil: gerade in dieser Zeit nahm der Merkantilis-mus jenen ideellen Gedankengang in sich auf. »Alle Eudämo-nisten sind praktische Egoisten«, sagt Kant 234 ), was waraber der Merkantilismus anderes als Staatsegoismus schlechthin?Deshalb wäre nichts verkehrter, als wenn wir Becher nach diesenutopistischen Äußerungen aus der Reihe der Merkantilisten streichenwollten, vielmehr dürfen wir von neuem behaupten: wie unzu-reichend eine rein ökonomische Definition des Merkantilis-mus ist. Becher selbst bezieht sich in seinen philosophisch-ethischenBüchern fortwährend auf seine politischen, kann ihren Inhalt alsonicht gut negiert haben, war sich aber der vielen Widersprüche,,die er beging, kaum bewußt. Wenn er in seinem innerstenHerzensgründe sich nach einem kommunistischen Urchristentumsehnt, dann mag hier derselbe Zwiespalt sich offenbaren, den wirauch in seinen wirtschaftlichen Anschauungen wahrnahmen: derKampf zwischen Mittelalter und Neuzeit, hier auf philo-sophischem Gebiet hieß er zwischen Scholastik und englisch -hollän-