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Ferner berichtet der Referent, dafs er sich bei den Verhandlungen vergeblich nach irgend einer Aeufserung umgesehenhabe, aus welcher hervorginge,
«dafs die Herren Seedelegirten aufser sich und ihren be-grenzten Kirchthurm-Interessen noch irgend etwasAnderes im wirthschaftlichen Verkehr als vollgiltig aner-kennen.
Durch ihre Debatten zieht sich wie ein rother Fadender cynische Gedanke hindurch: wir wollen uns aufKosten des gesammten Hinterlandes mästen,gleichviel ob unsere selbstsüchtige Politik zumRuin des Vaterlandes führe oder nicht.»
In dieser Weise geht es dann fort.
Die gewählten Ausdrücke sind — wenngleich es uns fernliegt, für ihre Mafslosigkeit die gesammte Schutzzollpartei verant-wortlich zu machen — doch sehr charakteristisch für die Auf-fassung, welche damals über die wirthschaftspolitische Stellungder deutschen Seestädte in schutzzöllnerischen Kreisen herrschte.Ich glaube nicht, dafs sich diese Auffassung in jenen Kreisen in-zwischen wesentlich geändert hat.
Trotzdem läge darin gewifs noch kein ausreichender Grundzu einer wissenschaftlichen Untersuchung darüber: weshalb diedeutschen Seestädte Freihandelspolitik treiben, wenn nicht auchin der Freihandelspartei die aufgeworfene Frage vielfach in einerWeise beantwortet würde, die den wahren Verhältnissen nichtentspricht.
Das Interesse der Seestädte am Freihandel erscheint denmeisten Freihändlern so auf der Hand liegend, dafs man ihreHaltung in der Handelspolitik nur etwa so schätzt, wie die Hal-tung eines Mannes, der sein eigenes Leben vertheidigt.
Was die Seestädte bei einer Divergenz der specieilen undder allgemeinen Interessen thun würden, bleibt dabei gleichsameine offene Frage. Ja in den Seestädten selbst giebt es sogarnicht wenige politische Naturalisten, welche Bedenken tragen, sichdiese letztere Frage vorzulegen, weil sie sich nicht ganz sicherfühlen, dieselbe zu Gunsten der Allgemeinheit zu beantworten.So wird auch von den Freihändlern bis zu einem gewissen Gradedie Anschauung genährt, als sei der treibende Beweggrund für