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die handelspolitische Stellung der deutschen Seestädte der nackteEigennutz. Diese Anschauung ist falsch. Wir acceptiren dieselbeauch nicht , in der bedenklichen Verclausulirung der wohlmeinendenLeute, welche eine ausschliefsliche Vertretung von Sonderinter-essen bei Interessentengruppen für durchaus berechtigt halten.Wir behaupten vielmehr, dafs die Interessen des Augenblicksmanchen Seestädten eine neutrale Stellung oder gar eine Stellungim schutzzöllnerischen Lager anweisen würden, wie dies ja auchin vielen anderen Staaten bei den Seestädten thatsächlich derFall ist.
In Frankreich ist bekanntlich von den bedeutenderen See-städten eigentlich nur Bordeaux, nicht einmal Marseille , dem Frei-handel wahrhaft ergeben; die französichen Schifffahrtsinteressentensind durchweg eifrige Protectionisten; die grofsen Handelsplätzean der atlantischen Küste der Vereinigten Staaten treten ihrerMehrzahl nach für das Schutzzollsystem ein; ja selbst in England unterstützten während der wirthschaftspolitischen Kämpfe dervierziger Jahre dieses Jahrhunderts keineswegs alle bedeutendenSeeplätze die freihändlerische Reform.
Ebenso könnte z. B. ein Ort wie Bremen , wenn er das eigeneInteresse verfolgen wollte, wie es von den Schutzzöllnern ver-standen wird, sehr leicht ins schutzzöllnerische Lager gedrängtwerden.
Man würde zu dem Zwecke folgendermafsen zu argumentirenhaben — und in ähnlicher Weise ist auch schutzzöllnerischerseitshäufig genug argumentirt worden:
Bremens Import in’s Zollgebiet umfafst nur ein sehr geringesQuantum von Industrieerzeugnissen. Dieselben gehen zudemmeist nur im Speditionsverkehr durch Bremen ; selbst der voll-ständige Verlust dieses Transits von Industrie-Artikeln würdenicht schwer schädigend wirken. Der wesentliche Export Bremensin’s Zollgebiet besteht dagegen in Stapelartikeln, wie Tabak,Reis, Petroleum etc., welche Finanzzöllen unterworfen sind, oderin Nahrungsstoffen, wie Getreide, Speck, Schmalz etc., für welcheder stark bevölkerte industriereiche Westen Deutschlands , mitSchutzzöllen und ohne solche, Abnehmer bleiben mufs, .oderendlich in Rohstoffen, wie Baumwolle, Schaafwolle etc., welchekeinen Zoll tragen, deren Consum dagegen bei erhöhten Garn-zöllen zunächst eher zunehmen als abnehmen wird.