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Der große Irrtum der deutschen Lohnpolitik / von Georg Gothein
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Ironisch erwiderte mir der damalige Staatssekretär desNeichsfinanzministeriums,man habe sich in ihm damit ab-gefunden, daß ich seine Vertreter für volkswirtschaftliche Idiotenhielte. Sollten wirklich die Steuern höhere Erträge bringen alsveranschlagt, was sehr unwahrscheinlich sei, so würden sierechtzeitig herabgesetzt werden." Trotz zweimaliger Senkungbrachten sie aber rund 2V2 Milliarden mehr als veranschlagt. Undalle von mir vorausgesagten üblen Folgen sind restlos ein-getreten.

Die Arbeitnehmerorganisationen gewöhnten sich in dieserZeit daran, wegen der wachsenden Teuerung immer neueLohnforderungen zu stellen. Sie ließen davon auch nichtab, als die Preise keine beachtliche Steigerung mehr oder garRückgänge erfuhren. Während der deutsche Großhandels-ind e x von 141,8 im Durchschnitt des Jahres 1925 auf 134,4 in1926 bzw. 137,6 in 1927 zurückging und 1928 mit rund 140ebenfalls immer noch tiefer stand als 1925, betrug der durch-schnittliche Index der Stundenlöhne gelern-ter Arbeiter aus 12 Kategorien 1925 130,8, stieg in 1926auf 140,7, im letzten Vierteljahr 1927 auf 151,9, erreichte am1. Oktober v. I. 163,1 und ist seitdem noch erheblich weiter ge-stiegen. Gleichzeitig erhöhte sich der Lebenshaltungs-kostenindex von 139,6 in 1925 auf 152,1, zum Teil durchdie Erhöhung der Wohnungsmieten, zum andern, ungleichgrößeren, infolge der mit den Lohnerhöhungen gestiegenenVerteilungskosten. Ungleich stärker als die der ge-lernten Arbeiter haben sich die Löhne der un-gelernten erhöht. Während die der ersteren allein inden Iahren 1927 und 1928 um 15,3 v. H. stiegen, so die derletzteren um 20,56 v. H. Diese Ziffern beziehen sich aber nur aufdie tarifmäßigen Stundenlöhne, während die effektiv gezahltenwesentlich höher stehen. Vei der erheblich geringeren Kinderzahl,der vermehrten Beschäftigung weiterer Familienmitglieder undden höheren Sozialleistungen hat sich die Lage der arbeitendenKlassen gegen die Vorkriegszeit entschieden gebessert.

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