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Der große Irrtum der deutschen Lohnpolitik / von Georg Gothein
Entstehung
Seite
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Die Unternehmer, die in der Inflation ihr Kapital weit-gehend verloren hatten, suchten das für den Wiederaufbau oderdie Fortführung ihrer Betriebe notwendige Kapital aus reich-lichen Gewinnen, also hohen Preisen wieder zu beschaffen. Soentstand ein Wettlauf zwischen Kapital und Arbeit, zwischenLöhnen, Preisen und Geschäftserträgnissen, bei dem infolge derUnterstützung der Arbeitnehmer durch die Gesetzgebung wie durchdie Schlichtertätigkeit des Neichsarbeitsministeriums der Lohn-anteil am Ertrag auf Kosten der Rentabilität und der notwen-digen Kapitalbildung immer mehr Raum gewann.

Um die Betriebe technisch auf zeitgemäße Höhe zu bringenund wettbewerbsfähig gegenüber dem Ausland zu erhalten,waren riesige Kapitalinvestitionen erforderlich, die beider geringfügigen Kapitalbildung im Inland überwiegenddurch Auslandskredite oder durch den Ue Her-gang deutscher Unternehmungen Aktien,Hypotheken oder Grundbesitz in auslän-dische Hand beschafft werden mußten. Allein inden vier Iahren von 1925 bis 1928 haben wir unsdem Ausland gegenüber mit 14,03 Milliarden Markverschuldet. Insgesamt dürfte unser Auslandsschuldendienstheute per Saldo rund über eine Milliarde im Jahr erfordern,während wir vor dem Krieg aus unserm Auslandsbesitz und ausDienstleistungen für das Ausland über zwei Milliarden Markvereinnahmten. 1927 und 1928 nahmen wir im Ausland 3,61Milliarden Anleihen und 5,29 Milliarden kurzfristige Krediteauf. Unser steuerfähiges Privatvermögen betrugnach der Vermögensveranlagung von 1926 nur noch 97,8 Mil-liarden; war aber in Wirklichkeit wesentlich niedriger, da durchdie Doppelveranlagung desselben Vermögens bei den juristischenund bei den physischen Personen bei den letzteren allerdingsnur im halben Wertbetrage das wirkliche Inlandsvermögenwesentlich geringer ist. Um so mehr, als sich ein sehr erheblicherTeil des hier veranlagten Vermögens in ausländischer Hand be-findet. Das in obiger Zahl mit 26 Milliarden enthaltene land-wirtschaftliche Vermögen hat inzwischen keine Vermehrung,

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