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Der große Irrtum der deutschen Lohnpolitik / von Georg Gothein
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zu Preisen berechnet, zu denen sich der Industriearbeiter nichtentfernt das gleiche beschaffen kann. Bei richtiger Berechnungstellen sie sich beispielsweise in der Provinz Brandenburg ganzwesentlich höher als die der Kottbuser Textilarbeiter. Aber dieStadt bietet mehr Annehmlichkeiten, vor allem mehr Vergnü-gungen. Deshalb die große Landflucht. Selbst die Vauernsöhneziehen vielfach vor, in der Stadt Unterbeamte, Kleinhändler,Industriearbeiter zu werden, als den väterlichen Hof zu über-nehmen und auf ihm trotz allen Sichabrackerns schlechterdaran zu sein, als der landwirtschaftliche Tagelöhner. Erst rechtfehlt es dem größeren Landwirt an Arbeitskräften. Trotz allerArbeitslosigkeit melden sich nur höchst wenige dazu. Auch wirdmeist übersehen, daß der ländliche Arbeiter ein gelernter Arbeitersein muß, der mit Pferden und anderem Vieh umzugehen, derden Pflug zu führen weiß, der beim Hacken nicht statt des Un-krauts die Nutzpflanze weghackt. Mit Recht klagen in weitenGegenden die Landwirte, daß ihre Belegschaft sich aus altenLeuten, Fürsorgezöglingen und Krüppeln zusammensetze, sie aberwirklich leistungsfähige Leute nicht bekommen können. HöhereLöhne anzulegen hieße für sie aber abgesehen von einigenbevorzugten Absatzgegenden den Bankerott beschleunigen.

Nachdem die Intensivierung ihrer Betriebe ihnen nurNachteile gebracht hat, macht sich daher in diesen Kreisen weit-gehend das Bestreben geltend, den Betrieb tunlichst einzu-schränken, minderwertige Böden aufzuforsten, auf den Ackerbauauf den vom Hof entfernter liegenden Fluren zu verzichten, sieals Weiden zu benutzen und den Frucht- und Futter-bau auf die besten und dem Hof zunächst ge-legenen Böden zu beschränken. Aus Mangel anMitteln begnügt man sich bei den nicht mehr in Anbau ge-nommenen Flächen vielfach sogar mit der Brach weide,statt sie umzubrechen und zu Wiesen anzusäen. Mit dieser Wirt-schaftsweise spart man wesentlich an Arbeitskräften, damit anLöhnen, an Soziallasten, an Zugvieh, an Maschinen undGeräten, an deren Reparaturen; man braucht weniger Gebäudezu erhalten und zu erneuern, spart auch an Versicherungsprämien.

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Georg Gothel n, Lohnpolitik

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