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Der große Irrtum der deutschen Lohnpolitik / von Georg Gothein
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ruhenden Frachten, haben die Oelmotorisierung nicht nur derLandwirtschaft, sondern auch zahlloser industrieller und hand-werklicher Mittelbetriebe nach sich gezogen. In allen diesen Ar-tikeln eines erst in den letzten Jahrzehnten neuentstandenenMassenbedarfs hat die Massenproduktion ebenso wie der freieWettbewerb auch zu einer beträchtlichen Senkung der Preisegeführt, was den Absatz stark belebt hat.

Das hoheLohnniveauhat zweifellos denMassen-bedarf in einigen Artikeln unterstützt. Aber dieRationalisierung hat zu keiner allgemeinen Senkung des Preis-niveaus und damit auch nicht zu einer allgemeinen Hebung desAbsatzes geführt, so daß es keine Arbeitslosigkeit gäbe. Der ameri-kanische Großhandelsindex beträgt obgleich er in den letztenIahren einen Rückgang erfahren hat immer noch 147 gegen134,2 in Deutschland, 140 in England , 126 in Frank-reich, 135,4 in Italien, 139 in der Tschechoslowakei . Die Klein-handelspreise und besonders infolge der Wohnungsteuerungder Lebenshaltungsindex (173) sind weit mehr gestiegen.Bestenfalls wird man in den Vereinigten Staaten dieKaufkraft des Dollars mit 2 RM. derjenigen inDeutschland annehmen können. Da erscheinen viele amen-kanischen Löhne keinesfalls besonders hoch. So betrugenim August 1928 die durchschnittlichen Wochenverdienstein der Vaumwollindustrie 62,25 RM. und waren imOktober nur um 4,11 RM. höher; in der Tabakindustrie 70,85,in der Düngemittelindustrie 81,5 RM., um freilich in der Auto-mobilindustrie bis auf 144 RM. zu kommen. Bei dem Ver-gleich mit den deutschen Löhnen muß zudem erwogen werden,daß 1. in Amerika die Arbeitszeit durchschnittlich sehr viel längerist; nicht einmal im Bergbau kennt man dort einen Achtstunden-tag; 2. es sich bei den amerikanischen Löhnen um den Durch-schnitt der effektiv verdienten Löhne handelt, in Deutschland umtarifmäßige Durchschnittslöhne, die beispielsweise in derTextilindustrie um 23 bis 33 v. H. unter den tatsächlich gezahltenliegen; 3. daß es in den Vereinigten Staaten keine Sozial-leistungen, also auch keine Arbeitgeberbeiträge dazu gibt; 4. daß

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