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Der große Irrtum der deutschen Lohnpolitik / von Georg Gothein
Entstehung
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billigten Lohnerhöhungen etwas unter der Hälfte der gefordertengeblieben. Aber ohne Erhöhung geht es kaum in einemeinzigen Fall ab. Die paar Pfennige je Stunde werdedas Geschäft schon noch tragen können; und die Arbeit-gebervertreter Pflegen wenn auch schweren Herzens meistnachzugeben, um einen Streik zu vermeiden, der ihnen nochganz andere große Verluste bringen würde, um für 1 bis1^2 Jahre Ruhe zu haben. Daß jeder Pfennig Stundenlohn-erhöhung bei 20 Millionen Arbeitnehmern der deutschen Wirt-schaft eine Mehrlohnausgabe von nahezu Milliarde auf-erlegt, die 14 Pfennig Erhöhung in 1927 und 1928 also eine Lohn-Mehrbelastung von 8 Milliarden jährlich ausmachen, daß dazunoch höhere Soziallasten treten, überlegt man sich nicht.And Arbeitnehmer, Schlichter und Reichsarbeitsministeriumfragen nicht danach, wie das auf die Preise, wie auf unsereKonkurrenzfähigkeit dem Ausland gegenüber wirkt. DerCinheitsverband der deutschen Eisenbahner hat in einer Polemikgegen mich sogar den Satz verfochten, daß eine durch die von ihmverlangte Lohnerhöhung notwendig werdende neue Erhöhungder Eisenbahntarife nicht einschränkend auf den Verkehrwirken würde. Ob die Reichsbahn ihr ohnehin auf ein kaummehr zu verantwortendes Maß eingeschränktes Beschaffungs-programm weiter stark verringern muß, wie sich das durch Ar-beitsmangel in den auf die Bestellungen der Reichsbahn an-gewiesenen Industrien auswirken muß, ist ihnen völlig gleich-gültig. Die dadurch arbeitslos Werdenden mögen stempelngehen! Auf das Ungeheuerliche des Verlangens, die Lohn-erhöhung aus Steuermitteln zu decken, ist bereits auf S. 50eingegangen.

Ein häufig gemachter Einwand geht dahin, daß die Lohn-erhöhung um ein paar Pfennige ja gar nichts bezüglich desPreises ausmache, den der Konsument schließlich zahlen müsse.Daß auf den Lohn meist das Dreifache als Generalunkostengeschlagen würden und der Zwischenhandel auf den Engros-verkaufspreis dann nochmals 40 v. H. und mehr aufschlage. Da-

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