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Der große Irrtum der deutschen Lohnpolitik / von Georg Gothein
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triebsliquidationen, Konkurse, Geschäfts-aussichten, Vergleiche, der gewinnlosen undder Verlustabschlüsse den Schluß ziehen, daßdie Wirtschaft weitere Lasten unmöglich ver-tragen könne. Mußte aus dem relativen Hoch-bleiben des Preisniveaus trotz rückgängigerKonjunktur erkennen, daß die Selbstkosten zuhoch seien, um es senken zu können, was dochallein die Besserung bringen könnte.

Für die Gewerkschaften ist das Durchsetzen höherer Löhnenicht nur eine Prestigefrage. 5lm ihre Mitgliederzahl zu erhaltenund zu erweitern, müssen sie zeigen, welche Erfolge sie erreichthaben. Triumphierend zählen sie in ihren Geschäftsberichten auf,wieviel Milliarden an Lohnerhöhungen sie durch ihre Anträgeund Verhandlungen Jahr für Jahr erreicht haben. Daß auchohne sie berechtigte Lohnsteigerungen nicht ausgeblieben wären,hat Professor Schumpeter-Vonn für England nachgewiesen, woim 19. Jahrhundert der Reallohn auf das Vierfache gestiegenist, und zwar am meisten in der Zeit, wo der Einfluß derGewerkschaften darauf völlig belanglos war, während in dendreizehn Iahren vor dem Krieg, als er mächtig war, keine Steige-rung mehr eintrat. In den letzten fünfzehn Iahren des 19. Jahr-hunderts stieg in Deutschland der Reallohn um ein Drittel,obgleich damals die Gewerkschaften nach keine Macht hatten,in den ersten dreizehn Iahren dieses Jahrhunderts, als siesie hatten, aber nur noch um wenige Prozente.

In völliger Anterschätzung des Reallohns und ärgsterÜberschätzung des Rominallohns haben nahezu alle Gewerk-schaften bei jedem Ablauf eines Tarifvertrages höhere Lohn-forderungen gestellt, und fast ausnahmslos haben ihnen dieSchlichtersprüche solche wenn auch meist nur in halber Höhezugebilligt. Die Gewerkschaften stellten dementsprechend vonvornherein weit höhere Forderungen, als sie durchzusetzen beab-sichtigten. Erst in neuester Zeit sind unter dem Druck der starkverschlechterten Wirtschaftslage die durch Schlichtersprüche zuge-

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