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Der große Irrtum der deutschen Lohnpolitik / von Georg Gothein
Entstehung
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Fällen muß die Steuer aus der Vermögenssubstanz bezahltwerden. Wenn auch die kleinen Einkommen in steigendem Maßan der Kapitalbildung beteiligt sind, wie sich aus der beträcht-lichen Vermehrung der Sparkasseneinlagen um etwa 2 Mil-liarden M. im Jahr ergibt, so wendet sich dieses Kapital doch fastausschließlich sicheren, fest verzinslichen Anlagen zu und entziehtsich der eigentlichen werteschaffenden Produktion. Diese bezogihr Kapital stets aus den Ueberschüssen der mittleren und großenEinkommen, ganz besonders denen der Kapitalrente.

Von den großen Einkommen wird natürlich meist ein ver-hältnismäßig weit kleinerer Teil konsumiert, ein weit größererder Kapitalbildung zugeführt, als das bei den kleineren undmittleren Einkommen geschieht bzw. möglich ist. Daran sindauch die Arbeitnehmer in hohem Grade interessiert; denn damitwerden die Produktionsmittel für sie beschafft. Der Reiche,welcher 50 oder 80 v. H. seines Einkommens der Kapitalbildungzuführt, ist bezüglich dieses Teiles nur der Verwalter von Volks-vermögen im Interesse der Volkswirtschaft. Selbst der sozia-listische Staat ist auf solche Kapitalbildung angewiesen, aberder Staat hat in dessen Verwaltung eine weit ungeschicktereHand als der private Unternehmer. Ohne die Kräftigung desletzteren muß es mit uns weiter bergab gehen. Richtig ver-standen, besteht also bezüglich der Kapitalbildungeine Interessensolidarität zwischen Arbeit-nehmer und Unternehmer. Ohne angemesseneRentabilität ist sie aber nicht möglich. Daß es andieser fehlt, ist in den früheren Abschnitten eingehend dar-getan. In den Vereinigten Staaten, in Großbritannien , inFrankreich usw. wird von den Arbeitern diese Interessen-solidarität anerkannt. Sie wissen, daß nur eine gut rentierendeIndustrie gute Löhne zahlen kann.

Die Kapitalknappheitziehthohe Zinssätzenach sich, was die Produktions- und Verteilungskosten er-heblich verteuert. Rächst Warschau, Bukarest und Athen hatDeutschland den höchsten Diskontsatz, dessen weitere Erhöhungdie Reichsbank nur durch die nicht viel weniger nachteiligen

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